Jedes Jahr im Mai werden sie plötzlich wieder Mitbewohner: Dann nämlich ziehen Dóra Juhász, Eszter Csurka, Levente Herman, Márta Kucsora und Sándor Szász in ihre Künstlerateliers in die Budapest Art Factory – kurz BAF – ein. Ihr Untermieter ist dann bis Oktober immer ein anderer, momentan ist es der Franzose Pascal Dombis. Wir haben die Künstler-WG im XIII. Bezirk besucht.

V.l.n.r.: Dóra Juhász, Levente Herman, Sándor Szász und Márta Kucsora sind fast das
komplette Künstler-Team der BAF. Eszter Csurka (nicht auf dem Bild) ist die Fünfte im Bunde. (BZT-Fotos: Nóra Halász)
Auf dem großen Holztisch im Küchen- und Essbereich liegt eine türkisfarbene Schachtel. Pascal Dombis hat seinen neuen Mitbewohnern ein Souvenir mitgebracht: Macarons, Dutzende, bunte, frisch aus Paris. Daneben steht eine Flasche Rotwein. Man plaudert, lacht, lernt sich kennen. Der 50-Jährige ist erst kürzlich in die Budapest Art Factory eingezogen. Gekommen ist er für eine Künstlerresidenz, die erste dieses Jahres. Denn die BAF ist nur eine temporäre WG: Zwischen Mai und Oktober leben hier fünf ungarische Künstlerinnen und Künstler, dazu kommt jeweils ein internationaler Gastkünstler für einen oder mehrere Monate. Außerhalb dieser Saison wäre es hier schlicht zu kalt, denn die Räumlichkeiten der Kunstfabrik sind nicht beheizt. Der Schaffensprozess selbst – dazu hier und da ein Glas Wein und traurig-schöne Gitarrenklänge von Levente Herman – müssen reichen, um sich warm zu halten, und so wird auch gleich in die Hände gespuckt. „Die Jungs“, wie die beiden männlichen Dauerbewohner Herman und Sándor Szász von „den Mädels“ genannt werden, beginnen nach dem ersten Bekanntwerden gleich, dem neuen Mitbewohner beim Einrichten zu helfen. Dombis‘ Ausstellungseröffnung steht kurz bevor, ab Freitagabend (29. Mai) sollen Kunstinteressierte seine Video- und Audioinstallationen betrachten können.

„Statt auf Konfrontation setzen wir im Atelier lieber auf Kommunikation”, sagt die Malerin und gelernte Bildhauerin Dóra Juhász.
Gegründet wurde die Budapest Art Factory 2006 auf Initiative der New Yorker Galeristin Dianne C. Brown als von den Künstlern selbst und nicht zu Profitzwecken betriebenes Atelier und Ausstellungsraum. Dóra Juhász, Eszter Csurka, Levente Herman, Márta Kucsora und Sándor Szász waren von Anfang an dabei – die fünf ungarischen Künstler lernten sich an der Universität der Bildenden Künste kennen. Nun sind sie die permanenten Betreiber und -nutzer der BAF und bieten darüber hinaus seit zwei Jahren ein Künstlerresidenz-Programm an. Finanziert wird die Kunstfabrik von den hier arbeitenden Künstlern selbst und „ein, zwei stillen Investoren“, wie Kucsora erzählt. Finanzen sind sicher nicht das Lieblingsthema der Künstler. Schauplatz von alledem ist das Gebäude einer ehemaligen Turbinenfabrik bei der Metrohaltestelle Forgách utca. Eine Holztreppe, deren antiker Charme im Budapester Regen eher bedrohlich wirkt, ermöglicht den Weg ins Innere der Art Factory. Doch der Aufstieg lohnt: Natürliches Licht dringt durch zahlreiche Glasfenster der industriellen Eisenkonstruktion, hohe, geweißte Wände machen sich selbst zu idealen Leinwänden für die Kunstwerke, Nischen hier und dort geben den Künstlern die Rückzugsorte, die sie zum Arbeiten benötigen, ohne ihnen dabei eine einzige Tür in den Weg zu stellen. In einer Ecke über dem Eingang weilt ein großer Stern, an ihm hängen nur noch ein paar Fetzen braunroten Stoffes: „Ja, das ist er, der Rote Stern“, sagt Kucsora. Die 36-Jährige Malerin führt uns durch die Räumlichkeiten, ihr Baby schläft im Kinderwagen. „Den Stern haben wir extra hier hängen lassen und auch die Stofffetzen nicht entfernt. Ich stelle mir immer vor, dass die letzten Reste des Kommunismus erst dann von Ungarn ablassen, wenn auch der Stoff vom Metallgerüst des Sternes verschwunden ist.“
Mit Taucherbrille an die Arbeit
Eine Ecke weiter betritt man bereits ihr Atelier. Große Leinwände, manche von ihnen lehnen noch weiß an der Wand, andere sind bereits reich bepinselt. Auf dem Boden liegen blau gefärbte Zweige, in einem Eimer einige Blätter. „Die hole ich mir einfach vom Park und verwende sie dann für meine Kunstwerke“, erzählt die Malerin. Die Natur ist das omnipräsente Thema auf Kucsoras Bildern. Farben und Formen erinnern an Wasser, Berge und Pflanzen, die Bewegungen, die auf den Malereien auffallen, rühren von rauschenden Wasserfällen, vom Wind getragenen Blättern und dunstiger Luft. „Besonders die Dynamik von Wasser hat mich lange in meiner Kunst beschäftigt; ich wollte versuchen, sie auf Leinwand zu bannen“, beschreibt die gebürtige Szegedinerin ihr Schaffen. Nicht nur die Malereien, die dabei herauskommen, auch der Arbeitsprozess selbst strahlt viel Energie und Spontaneität aus. „Ich mag den Schaffensprozess sehr. Vor allem, weil ich nie weiß, was am Ende herauskommt. Da ist nicht alles durchkonstruiert – Vieles passiert einfach.“ Manchmal fließe hier noch etwas runter und tropfe dort noch etwas Farbe. Der Anblick der Taucherbrille auf ihrem Arbeitstisch verrät sofort: Der Entstehungsprozess von Kucsoras Werken ist wild.

Wer dieses Tor erblickt, hat es fast geschafft: Dahinter verbirgt sich eine Welt aus Pinseln, Farben und Leinwänden – und wer nach
Eintritt seinen Blick in die rechte, obere Raumecke lenkt, entdeckt mit dem Roten Stern ein kurioses Relikt aus längst vergangenen Zeiten.
Sándor Szász‘ Werke dagegen erzählen von einer anderen Herangehensweise, von Recherche und Organisation, aber auch von dunklen Prophezeiungen und unaussprechbaren Albträumen. An einer Wand hängen Kopien von großen, eisernen Gerätschaften zwischen Kriegswaffe und nautischem Ersatzteil. Der aus Siebenbürgen stammende Maler verewigt in seinen Bildern apokalyptische Szenerien mit trüben Farben, während sein Sohn fröhlich vor den ernst von der Leinwand dämmernden Werken herumspringt. „Er interessiert sich nicht sonderlich dafür, was sein Papa da herumpinselt“, sagt Szász schmunzelnd über seinen Sohn. „Unsere Kinder wachsen ganz natürlich mit der Kunst auf. Die Eltern ihrer Kindergarten- und Schulfreunde sind vielleicht Beamte oder Konditormeister, und wir sind halt Künstler.”
Not macht erfinderisch
Auf dem Weg in Levente Hermans zweigeteiltes Atelier – links und rechts des Ganges und das einzige, das mit einem Bett ausgestattet ist – sitzt der neue französische Mitbewohner, Digitalkünstler Pascal Dombis, gerade an seinem Werk. Einer der beiden Ausstellungsorte in der Art Factory wird für ihn ein kleiner, niedriger Korridor, der die beiden großen Bereiche der BAF voneinander trennt. Der Gang ist der einzige dunkle Arbeitsort in der Kunstfabrik, in der sich die Künstler sonst eher über das viele natürliche Licht freuen. „Ich finde es toll, dass ich meine Installation in diesem Korridor anbringen muss – und das ‚Muss‘ steht hierbei wirklich nur in Anführungszeichen“, sagt der Pariser begeistert. Was das für ein Korridor sei, fragt sich Dombis, welchem Zwecke er wohl seiner Zeit gedient hat in der Fabrik. Der Gang ist Durchgangs- und Hinderungsort in Einem; seine Durchquerung ist aufgrund der niedrigen Decke schwer, doch er macht es trotz allem möglich, sich zwei unterschiedlichen Räumen von beiden Seiten anzunähern. Dombis ist ein Profi, sein geschultes Künstlerauge weiß die örtlichen Gegebenheiten sofort zu analysieren und einen Weg zu finden, sie zu seinen Gunsten zu nutzen. Im Korridor wird der Franzose zwei versetzt stehende Oberflächen mit seinen Filmsequenzen bespielen; das Werk wird von beiden Seiten zu sehen sein.
Nach Dombis wird der nächste Gastkünstler ein deutscher: Bernd Kirschner kommt Ende Juni in die Budapest Art Factory. Ob sich so ein Gastkünstler wohl unter Druck fühlt, während seiner Residency möglichst viele Arbeiten abzuliefern? „Vielleicht schafft es schon Motivation, dass man nur zu Besuch kommt“, sagt Kucsora, „doch wir üben auf niemanden Druck aus, und es gibt auch keine Abmachungen, wie viele Werke der Gastkünstler zu schaffen hat.“ Stattdessen arbeite jeder in seinem eigenen Tempo, sowohl die permanenten als auch die besuchenden Künstler. Und Dóra Juhász ergänzt: „Wir mischen uns nicht ein, was der andere macht.“
Auch Kritik werde vermieden. Die Zeiten scheinen für die Künstlergruppe vorbei zu sein: keine großen Experimente mehr, dafür ein ruhiges Leben in einem Atelier, das durch Kind, Kegel und Gastkünstler ohnehin nie langweilig wird. Tatsächlich sei es auch noch nie vorgekommen, dass man nicht mit einem Artist in Residence ausgekommen sei. Hier scheint der große Unterschied zu gewöhnlichen Wohngemeinschaften zu stecken. Und trotz aller Harmonie: Spielt Konkurrenz denn nicht auch bei Künstlern eine Rolle? Wieder nein. „Unsere Kunst ist zu verschieden, da kommt so ein Gefühl gar nicht erst auf“, sagt Malerin Juhász. Und der
Umgang der „Jungs“ und „Mädels” miteinander bestärkt diese Aussagen sichtlich. Hier wird geteilt, geholfen, mit angepackt statt beneidet, hinterfragt, abgewendet. In der Budapest Art Factory arbeitet eine eingeschworene Künstler-Clique, die nicht nur die bloße Beschäftigung mit derselben Branche zusammenhält. Das hat auch Pascal Dombis gleich zu spüren gekriegt: „Es brauchte keine Übergangszeit, bis ich mich hier wohlgefühlt habe. Ich kam an, wurde nett empfangen und konnte sofort anfangen zu arbeiten. Das ist alles, was ich brauche.“
Budapest XIII. Váci út 152-156.
www.budapestartfactory.com
https://www.facebook.com/
BudapestArtFactory
Ausstellungseröffnung:
Pascal Dombis – The End(less)
- Mai, 18 Uhr


