
Immer mehr Ungarn stößt das Thema Korruption sauer auf: Hier eine Anti-Korruptionsdemonstration am vergangenen Sonntag in Budapest. (Foto: MTI)
Bis 2020 wird Ungarn mehr als 34 Mrd. Euro an EU-Fördermitteln erhalten. Brüssel wünscht eine bestmögliche Effizienz beim Einsatz der Gelder, die der Modernisierung zurückgebliebener Regionen und letztlich der globalen Wettbewerbsfähigkeit der Gemeinschaft dienen sollen. Sofern sie nicht im Sumpf der Korruption versickern.
Korruption ist der Missbrauch einer Vertrauensstellung in Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Politik, um für sich oder Dritte ohne rechtmäßigen Anspruch materielle oder anderweitige Vorteile zu erlangen. So steht es bei Wikipedia. Selbst nach den himmelschreienden Brokerskandalen glaubt ein nicht geringer Teil der Fidesz-Anhänger unerschüttert den zunehmend irrwitzigen Erklärungsversuchen der Regierung und ihres Ministerpräsidenten, wonach alles Übel aus den Zeiten der sozialistisch-liberalen Regierungen herrühre. Da verfängt auch das Argument nicht, der Fidesz sei mittlerweile fünf Jahre an der Macht – schließlich hätten ja Matolcsy & Co. an der Spitze einer reformierten Finanzaufsicht den „Broker-Miststall“ (O-Ton Orbán) endlich aufgeräumt. Aber wozu sich in diesen ideologisch eingefärbten Disput hineinhängen, wenn die Mächtigen die besten Argumente selbst liefern.
„Ich halte es für ganz natürlich, dass dort, wo in einem relativ armen Land 8.200 Milliarden Forint (über 27 Mrd. Euro — Anm.) verteilt werden, Missbrauch beziehungsweise zumindest entsprechende Bestrebungen auftreten können.“ Das sagte Kanzleramtsminister János Lázár im vergangenen November auf eine Anfrage im Parlament, wobei sich die 8.200 Mrd. auf den EU-Haushaltszyklus 2007-13 bezogen. Was der Minister für natürlich hält, sind im Normalfall 10-20 Prozent, in extremen Fällen sogar bis zu 30 Prozent, die von Ausschreibungsgeldern abgezweigt werden – das ist informell „anerkannte“ Praxis in diesem Land. Weshalb die 710.000 Forint, die im EU-Haushaltszyklus 2014-20 theoretisch auf jeden einzelnen ungarischen Bürger entfallen, für die überwiegende Mehrzahl der Bürger nur Theorie bleiben. Es fließt immer mehr Geld aus Brüssel, aber auch von der öffentlichen Hand in die Taschen von immer weniger Personen, die noch zum vom Premier geduldeten Kreis gehören.
Überteuerte Autobahnen – damals wie heute
Der Oligarch Lajos Simicska gehört nicht mehr zu ihnen. Nachdem er sich offen mit Viktor Orbán überwarf, ließ Lázár prompt die Bauarbeiten an der Autobahn M4 einstellen. Angeblich weil die EU einen Kartellverdacht äußerte. Die Firma Közgép von Simicska baute gemeinsam mit internationalen Baukonzernen wie Strabag und Swietelsky an der Theiß-Querung. Die Erschließung des unwegsamen Geländes in der Flussniederung führte zu Rekordpreisen um 4 Mrd. Forint pro Kilometer. Da der Autobahnbau schon zu sozialistischen Zeiten die Parteikassen füllte, werden wir nicht allzu falsch liegen mit der Annahme, hier sei bis zu einer Milliarde pro Kilometer in schwarze Kassen geflossen. Das machte allein bei dieser einzigen Ausschreibung 30 Mrd. Forint – diese Summe lässt sich in der Dimension mit der 2007 fertiggestellten Kőröshegy-Talbrücke auf der Autobahn M7 am Südufer des Plattensees vergleichen. Wer sich auf Schleichwegen unter der Brücke hindurch Richtung Balaton verirrt, stößt unter anderem auf Luxusvillen im mediterranen Stil, die laut Volksmund bei dem Talbrückenprojekt halt „abfielen“. Aber die Talbrücke steht wenigstens und stellt heute ein imposantes Bauwerk dar, das die Ungarn nur teuer zu stehen kam. An der Theiß wurden 40 Mrd. Forint verbaut, für eine Trasse, die nach dem Willen der Regierung ins Nichts führen wird. Man konnte aber nicht einfach sagen, der Verräter Simicska sei schuld. Nur dass die EU bemüht wurde, ist schon deshalb absurd, weil Brüssel eine M4 von vornherein wegen der gegebenen parallelen Verkehrsinfrastruktur als überflüssig ansah, ergo die Gewährung von Fördermitteln nie ein Thema war.
Immobilien verschoben, Gedächtnis setzt aus
Die Steuer- und Finanzbehörde NAV ermittelt bei der Bau Holding 2000 Zrt., die seit Jahren Steuerrückstände von mehreren 100 Mio. Forint vor sich herschob, während sie am Großprojekt „Herz von Budapest“ mit Bauausführungsaufträgen im Gesamtwert von 700 Mio. Forint beteiligt wurde. Die Firma ist längst Pleite und hat ihr Vermögen an eine in Uruguay angesiedelte Firma mit dem bezeichnenden Namen „Latinoamericana Sociedad Anonima“ überschrieben. Das „Herz von Budapest“ rief sogar das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) auf den Plan, dabei ist die Stadterneuerung für 15 Mrd. Forint nicht das erste suspekte Projekt.
Zu den deftigen Immobilienspekulationen in der Innenstadt fiel dem den V. Bezirk acht Jahre leitenden Bürgermeister und heutigen Fidesz-Fraktionschef Antal Rogán als Rechtfertigung nichts Besseres ein, als dass vor seiner Zeit (also bis 2006) noch mehr „Vergünstigungen“ gewährt worden seien. Diese kamen Personen zugute, die von der Stadtverwaltung zum Pachten kommunaler Gebäude eingeladen wurden, die sie dann nur wenige Monate später exklusiv erwerben konnten – in Einzelfällen bis zu 100 Mio. Forint unter dem Marktpreis.
Noch dazu ließ den Fidesz-Politiker sein Langzeitgedächtnis im Stich, denn seinen Worten zufolge fanden diese Transaktionen vor allem zwischen 2000 und 2007 statt – dabei wurde der Stadtbezirk ab 1998 vom Fidesz geführt, der noch nach dem Verlust des Bürgermeisteramtes 2002 in der Bürgerschaft eine Parität mit den Sozialisten hielt. Rogán war damals im V. Bezirk Fraktionschef des oppositionellen Fidesz, mit dem sich die MSZP bis 2010 immer wieder gut arrangieren konnte. (Siehe dazu das Interview mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány auf den Seiten 20 und 21)
Wirklich nur Probleme technischer Art?
Anfang April stand bereits der nächste Skandal ins Haus. Am 10. April fasste die EU-Kommission, unterzeichnet durch Justizkommissarin Vera Jourová, einen Beschluss zur Aussetzung der Auszahlungen für die ersten drei Kapitel des Operativprogramms für Wirtschaftsentwicklung, die aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanziert werden. Insgesamt 950 Mio. Euro stehen auf dem Spiel, die Brüssel durchaus noch auszahlen wird, sobald Budapest nachweisen kann, dass die eingereichten Kostenabrechnungen echt, realistisch und korrekt sind.
Zusammen mit der „Asphalt-Story“, das heißt den nicht begründeten Auszahlungen im Straßenbau, und bezüglich der noch tief in der Ära des vormaligen liberalen OB Gábor Demszky begonnenen Metrolinie 4 darf sich Budapest allmählich auf Bußgelder in Höhe von mehreren 100 Mrd. Forint einstellen. Im Falle der vollkommen überteuerten und über Jahre verschleppten vierten Metrolinie rief Ungarn die entsprechenden Fördergelder auf der Basis von Plänen zu den erwarteten Passagierzahlen ab, die jedem Realitätssinn entbehren. Weil die Förderung aber zweckmäßig sein soll, muss nun die Citymaut kommen – als Maßnahme zur Umlenkung der Verkehrsströme vom Auto zum Nahverkehr. Die Citymaut aber widerspricht in ihrer Logik der in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu Jahresbeginn eingeführten Komitatsvignette. Wie man sieht, haben in Ungarn nicht nur Lügen, sondern ebenso die ad hoc inszenierten Maßnahmen des Staates kurze Beine.
Doch warum kam es im oben genannten Fall überhaupt zur Aussetzung der Auszahlungen? Die Regierung versuchte die Sache herunterzuspielen und erhielt am vergangenen Freitag Schützenhilfe von EU-Kommissar Jyrki Katainen, dem Vize von Jean-Claude Juncker. Der sprach in Budapest von „Problemen technischer Art“, doch ist sein diplomatischer Tonfall nur zu verständlich, befand er sich doch auf einer Roadshow für das neue EU-Investitionspaket. Schauen wir deshalb lieber selbst, was der Beschluss der EU-Kommission in besagter Angelegenheit so an technischen Problemen beinhaltet. Dort wird auf den vorangegangenen Briefwechsel mit den zuständigen ungarischen Behörden verwiesen, in dessen Verlauf die Kommission Ungarn – nach wiederholter Vorwarnung – im Oktober 2014 schwerwiegende Mängel im System zur Steuerung und Kontrolle der Auszahlungen vorwarf und bereits erste Zahlungen aussetzte. Beanstandete Punkte sind unzuverlässige Verfahren, fehlende Umsicht bei der Kontrolle von Kalkulationen, die Missachtung des Wirtschaftlichkeitsprinzips und immer wieder vollkommen überzogene Kostenpositionen.
Sagenhafte Argumente im Briefwechsel
Die Kommission tischt in ihrem Beschluss konkrete Beispiele für überzogene Kosten auf: So wurden die Arbeitskosten pro Person in ein- und demselben Projekt an einer Stelle mit umgerechnet 2.080 Euro monatlich, an anderer Stelle mit 48.000 Euro (!) angesetzt. Mehrere Projekte kalkulierten für Arbeitnehmer Lohnkosten von 5.700 Euro im Monat, Vergleichsprojekte gaben sich mit für Ungarn charakteristischeren 630-830 Euro „zufrieden“. Eine mobile Schrottschere der Marke Louritex wurde dem Ausschreibungssieger mit 740.000 Euro genehmigt, während die EU-Kontrolleure auf Marktpreise von 320.-390.000 Euro stießen. Bei einer CNC-Abkantpresse von Durma waren es 208.000 Euro an Stelle realistischer 45.000 Euro.
In ihrer Antwort wies die ungarische Seite die meisten Vorwürfe zurück; höhere Lohnkosten seien beispielsweise mit dem komplexen und komplizierten Charakter des betreffenden Projekts zu erklären. Auch fand man teure Maschinen bei der Konkurrenz, weshalb der Einkauf durchaus rational vertretbar sei. Die Kommission schrieb in ihrem Kontra, eine überteuerte Maschine hätte man beim gleichen Einzelhändler zum Bruchteil des Beschaffungspreises erwerben können – dazu brauchte man sich nur auf der Webseite der Firma zu informieren. Sieben- bis neunfache Gehaltsunterschiede habe es zum Beispiel bei im Marketing beschäftigten Mitarbeitern gegeben. Brüssel fand es zudem merkwürdig, dass Budapest einen Ausschreibungsgewinner bat, den Preisvergleich am Markt selbst vorzunehmen. (Das erinnert an den NAV-Skandal, als Wirtschaftsminister Mihály Varga die der Korruption beschuldigte Präsidentin der Finanzbehörde anwies, sie möchte sich doch bitte selbst kontrollieren und nach Möglichkeit vom Verdacht reinwaschen.)
Während die ungarische Seite also mit wenig stichhaltigen Argumenten auf Zeit spielte, kam die Kommission zu dem rigorosen Schluss, es habe während des gesamten Verfahrens keine Bemühungen um Korrekturen gegeben. Wegen der Schwere der Regelverstöße wurde ein Bußgeld von fünf Prozent des Fördervolumens in Aussicht gestellt. Das wird selbstverständlich wieder jeder Steuerzahler tragen dürfen, im Gegensatz zu den vielen überhöhten Abrechnungen, die in einzelne Taschen wandern.
Lesen Sie in der kommenden Woche im 2. Teil über Schmiergelder für leere Stadien, einen Hollywood-Produzenten im Casinogeschäft und das schöne ungarische Wort „mutyizás“.

Hier schiebt jeder dem anderen den schwarzen Peter zu. Orbansche Gefolgsleute sacken sich die Kohle ein aus Brüssel und sagen etwas Schwund ist normal. Unverschämtheit. Brüssel gibt Milliarden an Subventionen und weiß nicht wohin das Geld der Steuerzahler geht.Unverschämtheit. Warum werden nicht von Brüssel aus nur Zahlungen genehmigt an gebundene Projekte, diese von EU Komissaren überwacht und erst dann die Gelder ausbezahlt und nicht vorher, wenn diese Projekte erfolgreich zu Ende geführt wurden und die Kalkulationen im Rahmen bleiben???????????? Wie immer alles eine Lachnummer
Keine Angst, Fletó wacht jetzt über die Gelder aus Brüssel, was in etwa so ist als ob man die Ziege (hier wohl eher Ziegenbock) aufs Kraut aufpassen lassen würde.Jetzt versickert nix aber auch gar nix mehr im Sumpf der Korruption.
Fletó ist entweder ein politischer Amokläufer oder der beste Mann der Fidesz, immerhin hat er den Sozialisten-seiner eigenen Partei- derart vernichtende Schläge verpasst, dass sich die Linke bis heute nicht davon erholt hat. Mal sehen, ob die Europäische Union sein segensreiches Wirken überlebt.
Gelegentlich ertönt von europäischen Gegnern der Orbánregierung die selbe Forderung, wie sie von Vertretern des radikalen Flügels der Jobbik zu hören ist:“Ungarn raus aus der EU“. Die einen beklagen die Unbotmäßigkeit der Fidesz und die Verschwendung von EU-Geldern, die anderen den Ausverkauf der ungarischen Wirtschaft und des ungarischen Bodens.
Die EU brachte für die Ungarn Nachteile und Vorteile mit sich. Ich persönlich finde es wunderbar, durch die slowakische Große Schütt oder das slowenische Murgebiet zu fahren ohne zu merken, dass ich das Staatsgebiet des heutigen Ungarn verlassen habe (fremdsprachige Reklametafeln kenne ich auch aus Budapest und Frankfurt).
Eines ist gewiss: Ungarn wird nicht wegen Korruption und der Verschwenung von EU-Geldern aus der Union fliegen. Die EU ist wie ein riesiges altes Gebäude, welches durch das eigene Gewicht gestützt wird. Zieht man einen Stein heraus, droht alles zusammen zu brechen. Die Idee eines vereinten Europa ist eine gute Sache, doch hat sich die EU längst von allen politisch und wirtschaftlich brauchbaren Standards verabschiedet. Rumänien und Bulgarien haben kein einziges Aufnahmekriterium wirklich erfüllt, die Mittelmeerstaaten hätten niemals den Euro bekommen sollen. Meinen eigenen Landsleuten werfe ich vor, dass es in jeder Partei korrupte Sauhunde gibt, der EU, dass sie diese Tatsache bewußt in Kauf nimt und die Fördergelder streut wie Tribute an unzuverlässige Vasallen.
arbeiten sie an ihrem kleingeist u lernen sie etwas geopolitischer zu denken – dann kommen sie vllt auf die lösung.
Lieber Freund,
wir haben mit uns mit Geopolitik beschäftigt, als sie den Begriff noch gar nicht kannten (siehe mein Artikel in der BZ zu diesem Thema). Die Geopolitik im klassischen Sinne (Mackinder) wurde von den Briten entwickelt, um Aufstieg und Zusammenarbeit der europäischen Zentralmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland) zu verhindern. Wenn sie solche Begriffe verwenden, sollten sie sich informieren, wo diese herkommen und was sie eigentlich bedeuten.
was diese begriffe für sie bedeuten, kann ich nicht wissen. u ihr entwicklungsstand lässt sich allenfalls erahnen.
vllt hätte ich das attribut „klassisch“ ihrem kleingeist voranstellen sollen – dann wäre ihre aufregung jetzt nicht so gross.
was meinen sie?