Das Zentralamt für Statistik (KSH) publizierte auf über 100 Seiten eine Bestandsaufnahme des vergangenen Jahres. Wir blätterten uns für unsere Leser durch dieses Zahlenmeer und fanden neben vielen bekannten auch manch verblüffende Daten.
Die Ungarische Nationalbank (MNB) bezifferte das Privatvermögen der ungarischen Haushalte Ende 2014 auf 37.000 Mrd. Forint (120 Mrd. Euro). Binnen eines Jahres hatte es sich um acht Prozent vermehrt. Aktien und Beteiligungen besetzten mit 39 Prozent nicht nur die stärkste Position, ihr Volumen mehrte sich im Jahresverlauf überdurchschnittlich um elf Prozent. Bargeld und Einlagen waren mit 29 Prozent vertreten; hier hielt sich der Zuwachs mit knapp fünf Prozent in Grenzen. Das erklärt sich aber ausschließlich aus der wenig zuversichtlich stimmenden Entwicklung der Einlagenbestände.
Umschichtung der Einlagen
Bei den inländischen Geldinstituten nahm der Einlagenbestand sogar absolut ab, viele Ungarn schichteten ihre Einlagen dabei in ausländische Geldinstitute um (+15 Prozent). Der Bargeldbestand legte zur gleichen Zeit um 18 Prozent (!) auf 3.100 Mrd. Forint zu. Das alles sehen Experten im kausalen Zusammenhang mit der Transaktionssteuer. Diese vom damaligen Wirtschaftsminister György Matolcsy ersonnene Pflichtabgabe an den Staat verleitet die Magyaren zu mittelalterlich anmutenden Methoden im Zeitalter des elektronischen Geldverkehrs. Denn Ungarn sind so reich mit Einfällen gesegnet, wie sie arm an Finanzen sind. Indem jede elektronisch erfasste Transaktion besteuert wird, feiert der Bargeldumlauf fröhliche Urständ.
Interessant zu sehen, dass die Ungarn 2014 wieder mehr in „sicherheitstechnische Reserven“ anlegten: Die Einzahlungen in Lebensversicherungen und Rentenkassen nahmen um 8,5 bzw. 9,5 Prozent zu – für die (Alters-) Vorsorge sind 3.500 Mrd. Forint auf die hohe Kante gelegt. Der Bestand an Wertpapieren legte um elf Prozent zu, darunter an Schuldverschreibungen des Staates sogar um 17 Prozent. Dabei gelang es dem Staat, die Sparer von den Diskontschatzbriefen, bei denen es sich um kurzfristige Anlageformen von bis zu zwölf Monaten handelt, hin zu den Staatsanleihen mit Laufzeiten ab einem Jahr zu bewegen. Die kurzfristigen Wertpapiere halten noch immer 57 Prozent am Bestandsvermögen, doch legten die Geldanlagen in langfristige Wertpapiere zehnmal so schnell, genau um 41 Prozent zu.
Fallgrube Fremdwährungskredite zugeschüttet
Verschuldet sind die Privathaushalte derweil mit 9.100 Mrd. Forint. Die Menschen schnallten den Gürtel nochmals enger und bauten ihren Schuldenberg absolut um knapp einen Prozentpunkt ab, darunter bei Fremdwährungskrediten sogar um viereinhalb Prozent. In Wirklichkeit erbrachten die Bürger viel größere Anstrengungen bei der Schuldensenkung, die jedoch überwiegend durch den schwachen Forint zunichte gemacht wurde.
Diese Fallgrube schüttete die Regierung gemeinsam mit der Notenbank Anfang 2015 endgültig zu: Es wird interessant sein zu sehen, wie sich das Privatvermögen der ungarischen Bürger nach der gesetzlich verordneten Abrechnung mit den Banken sowie der Umwandlung der Fremdwährungskredite in Forintkredite entwickeln wird. Die MNB hatte nach eigenen Kalkulationen eine Senkung der Tilgungsraten von durchschnittlich 25 Prozent vorausgesagt, zudem fällt das Währungsrisiko weg. Erste Schätzungen unabhängiger Finanzexperten gingen von Verlusten bei den Banken in einer Größenordnung bis zu 1.000 Mrd. Forint aus, die MNB präzisierte diese Annahmen später auf netto 600-700 Mrd. Forint.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Bürger dieses Geschenk nur als Entschädigung für langjährige Verluste ansehen und sich dementsprechend auch weiterhin eifrig auf die Rückzahlung ihrer Kredite konzentrieren, oder ob vielleicht immer mehr Bürger nach Jahren des Darbens darauf verfallen, den unverhofft gewonnenen Spielraum für aufgeschobene Konsumentscheidungen zu nutzen. Die Nettoersparnis belief sich 2014 jedenfalls auf 1.882 Mrd. Forint oder 5,9 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP).
Was die Finanzlage breiter Bevölkerungsschichten anbelangt, sollte sich niemand Illusionen hingeben. Ende 2014 wurden die Kredite für 115.000 Wohnungen nicht bedient, im Jahresverlauf kam es zu annähernd 10.000 Zwangsversteigerungen. Vier Fünftel der gepfändeten Häuser übernahm der Staat (genauer die Vermögensverwaltung Nemzeti Eszközkezelő Zrt.), die meisten Versteigerungen gingen im reichen Budapest nebst seines Speckgürtels vonstatten!
Wohnungsbau im paternalistischen Staat
Daneben nehmen sich die 2014 in ganz Ungarn neu bezogenen 8.360 Wohnungen wirklich mickrig aus. Dabei waren das schon 15 Prozent mehr, als 2013 – der Wohnungsbau zeigt seit langen Jahren erstmals aufwärts, ausgehend von einem Tiefstand, wie ihn Ungarn früher nur zu Kriegszeiten erlebte! Achteinhalbtausend Wohnungen in einem Land mit grob geschätzt vier Millionen Haushalten. Ein Fünftel des Neubauvolumens aus der Zeit vor der Weltwirtschaftskrise 2008. Im besonders armen Nordungarn wurden statistisch betrachtet 2,4 Wohnungen je 10.000 Einwohner bezogen. In der Hauptstadt inklusive Agglomeration waren es 12,3 Wohnungen, was in etwa dem Modernisierungstempo von Berlin entspricht. Ungarns Zentrum muss sich also keineswegs verstecken, ganz zu schweigen von der boomenden Region West-Transdanubiens, wo die gleiche Kennziffer im vergangenen Jahr von 13,0 auf 15,7 Wohnungen je 10.000 Einwohner hochschnellte.
Die Behörden erteilten derweil 9.630 Baugenehmigungen (+15 Prozent). Damit setzt sich der Aufwärtstrend fort, dessen Dynamik natürlich nur wegen der unhaltbar schwachen Basis schwungvoll anmuten kann. Zur Erinnerung sei die Faustregel genannt, wonach Ungarn jährlich 40.000 Neubauwohnungen bräuchte, um den Wohnungsbestand auf gleichbleibendem Niveau zu halten. Seit der Systemwende bleibt dieses Ziel unerreicht – in den Jahrzehnten der sozialistischen Planwirtschaft löste der Staat diese Aufgabe ziemlich unkompliziert mit dem Bau ausgedehnter Plattenbausiedlungen. Eigentlich dürfte man meinen, diese Zeiten sind endgültig abgelaufen. Das wäre jedoch zu einfach. Die Mitglieder der mit Vorliebe als national-konservativ eingeordneten Orbán-Regierung wurden nun einmal im Sozialismus sozialisiert. Ein paternalistischer Staat liegt dem Premier nicht fern, der seinen Notenbankpräsidenten kostenlose Kredite unters Volk streuen lässt. In der dritten Phase des Kreditprogramms für Wachstum könnte tatsächlich der Wohnungsbau als Zielstellung definiert werden.
Natürlich lässt sich die Entwicklung des privaten Wohlstands nicht allein am Wohnungsmarkt ablesen, denn nicht jeder bringt genug Angespartes, betuchte Verwandte oder einen kreditfähigen Job mit, um das Abenteuer Hausbau zu wagen. Für die große Masse bleibt, das verdiente Geld dem Einzelhandel zuzuführen. Wie wir im ersten Teil dieser Kurzserie („Zahlenspiele mit Milliardenbeträgen“, BZ 13/2015) ausführten, realisierte Vater Staat im vergangenen Jahr erstmals über 3.000 Mrd. Forint aus der Mehrwertsteuer (ÁFA). Das waren acht Prozent mehr als noch 2013, und das in einem deflationären Umfeld!
Die Einnahmen aus den Verbrauchsteuern erhöhten sich ebenfalls um sieben Prozent, obwohl beispielsweise der (legale) Zigarettenmarkt um mehr als ein Viertel einbrach. Warum die ÁFA-Einnahmen so üppig flossen, verrät ein Blick auf die Einzelhandelsstatistik: 2014 legte das Einzelhandelsvolumen insgesamt um 5,2 Prozent zu. Bekleidungshändler erlebten einen regelrechten Ansturm (+15 Prozent), das Absatzvolumen bei Industriewaren stieg um ein Zehntel und der Kraftstoffhandel lag mit nahezu sechs Prozent im Plus. Auf dem Automarkt verdoppelte sich die Wachstumsdynamik gegenüber 2013, erreichte aber auch so nur mäßige drei Prozent.
(Wird fortgesetzt)
Das Vermögen der Privathaushalte (Angaben in Mrd. Forint, Stand Ende 2014)
Finanzmittel 37.015 (+8,1%)
darunter
Aktien, Beteiligungen 14.604 (+11,2%)
Bargeld, Einlagen 10.723 (+4,8%)
Lebensversicherungen, 3.455 (+8,2%)
Rentenkassen Staatspapiere 3.060 (+11,2%)
Verbindlichkeiten 9.106 (-0,8%)
darunter
Kredite 8.311 (-1,6%)
Nettofinanzvermögen 27.909 (+11,4%)
(Quelle: KSH, MNB)


Einerseits hoffe ich, dass die Bürger endlich etwas von den verbesserten Wirtschaftsdaten haben. Es ist natürlich deprimierend, wenn Orbán und seine Partei seit Jahren verkünden, Ungarn sei aus dem Gröbsten heraus, die Einnahmen von Staat und Wirtschaft feiern und die Menschen müssen jeden Forint zweimal umdrehen. Andererseits sind die Ungarn, trotz (manchmal nicht unbegründeter) gegenteiliger Behauptungen, Angehörige der Gattung Homo Sapiens Sapiens. Geht es den Menschen besser, werden sie egoistischer und die Nörgelei geht wieder los. Läuft es richtig mies, dann kann der Staat für die Bürger (und in Not geratene Banken!) gar nicht paternalistisch genug sein. Läuft es gut, dann haben die Politiker plötzlich nicht mehr in Alles hineinzureden. Das erinnert an Touristen, die in gefährliche Länder reisen und sich als freie und kluge Zeitgenossen nichts von den Warnungen der Regierung vorschreiben lassen- und werden sie dann entführt, heulen sie in die Kamera und bitten eben jene nervige Regierung um Hilfe.
Daher hoffe ich ich, dass die Ungarn nicht vergessen, wem sie diese Vermögensvermehrung verdanken: Ihrem eigenen Fleiß, ihrer Flexibilität und Beharrlichkeit, aber auch einer Regierung, die sich nicht scheute, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, sich mit Brüssel, der Wallstreet und verdammt mächtigen Konzernen anzulegen.
Es lebe Viktor Urban !! Er lebe hoch !