Der Konflikt zwischen Premier Viktor Orbán und dem Oligarchen Lajos Simicska hat weiter an Brisanz gewonnen. Simicska, der einst engster Vertrauter Orbáns war und den Regierungschef seit Gymnasialzeiten kennt, ist offenbar fest entschlossen, in die Vollen zu gehen und Orbán zu Fall zu bringen. In einem Interview mit dem Meinungsportal Mandiner unterstellt Simicska dem Premier nichts Geringeres als Stasi-Spitzel zu Zeiten des real existierenden Sozialismus gewesen zu sein.
Wie Simicska gegenüber Mandiner erzählte, wurde er schon während seiner Zeit als Soldat, das heißt mit 22 Jahren, vom Staatssicherheitsdienst beobachtet. Ein Major habe ihn, Simicska, zu sich zitiert und ihm aus Spitzelberichten vorgelesen, die etwa nach Klassenexkursionen während des Gymnasiums geschrieben worden seien. Auch bei der Armee wurde Simicska nach eigenen Angaben bespitzelt. Der Major, so Simicska, habe ihn damals gewarnt, sich nicht zu sehr aus dem Fenster zu lehnen, ansonsten sei seine Aufnahme an die Universität gefährdet.
Simicska verstrickt sich in Widersprüche
Bei der Armee sei dann eines Tages Viktor Orbán an ihn herangetreten und habe ihm folgende Worte gesagt: „Pass auf, Lajos, die Sache ist die, dass ich über dich berichten muss.“ Simicska sei Orbán nach eigenen Worten nicht böse gewesen. Er habe ihm sogar vorgeschlagen, die Spitzel-Berichte an die Stasi gemeinsam zu schreiben. Im weiteren Verlauf des Interviews verstrickte sich Simicska allerdings in Widersprüche. So erzählte er, Orbán sei bei der Abrüstungsfeier zu ihm gekommen und habe ihm anvertraut, dass die Stasi ihn einspannen wollte, er hätte ihr jedoch eine Absage erteilt.
Gegenüber Mandiner sagte Simicska, er habe „dreißig Jahre lang“ daran geglaubt, „dass es wirklich so geschah“. Heute jedoch wisse er nicht mehr, was er denken solle. Er wies darauf hin, dass jene Stasi-Akten, die seine Person betreffen, in Budapest verschwunden seien. Seines Wissens seien sie in Moskau aber noch in den Archiven. Wenn diese an die Öffentlichkeit gerieten, bliebe in Ungarn kein Stein auf dem anderen, „das ist sicher“, sagte Simicska.

Der Premier ein Spitzel? Die Vorwürfe, Viktor Orbán hätte sich als Spitzel einspannen lassen, sind nicht neu. (Foto: MTI)
Der „Oligarch“ und Medienmogul (unter anderem Magyar Nemzet, Hír TV, Lánchíd Rádió) ließ gegenüber dem regierungskritischen TV-Sender ATV später durchblicken, dass die Moskauer Spitzel-Akten über seine Person ein Instrument in den Händen Russlands seien, um Orbán zu erpressen. Aus dieser Perspektive müsse denn auch die Annäherung des ungarischen Regierungschefs an Russland und Wladimir Putin gedeutet werden. Simicska hatte bereits früher betont, dass ihm die Annäherung an Moskau missfalle (die Budapester Zeitung berichtete).
„Traurig, dass ein Mensch so tief sinken kann“
Das Kanzleramt reagierte auf die Spitzel-Vorwürfe Simicskas mit jenem Antwortschreiben, das Viktor Orbán an die Politikerin der Demokratischen Koalition (DK), Ágnes Vadai, im Jahr 2012 adressiert hatte. Auch Vadai hatte Spitzel-Vorwürfe gegen Orbán erhoben. Der Ministerpräsident selbst ließ sich zu Simicska in dieser Woche nur die Äußerung entlocken, dass es „betrüblich“ sei, wie tief ein Mensch aus verletzten Gefühlen sinken könne. Er und seine Regierung wollen jedenfalls nicht an einem „Tschin-bumm-Zirkus“ teilnehmen, so Orbán.
Doch nun zum Schreiben des Kanzleramtes. Dort heißt es wie folgt: „Sehr geehrte Frau Abgeordnete! Wir, die tatkräftig an der Wende beteiligt waren, haben unser Leben dem Ziel verschrieben, dass in Ungarn anständige Menschen nie wieder in dem Bewusstsein leben müssen, dass sie beobachtet und in den eigenen vier Wänden abgehört werden. Als Antwort auf Ihren Brief wiederhole ich, was ich bereits in Hinblick auf die Geheimdienst-Dokumente, die meine Person betreffen, gesagt habe – zuletzt 2006.
Die Maschinerie der Diktatur hat meine oppositionelle Tätigkeit in einem ziemlich dicken Dossier dokumentiert. Auch die von Ihnen erwähnten Dokumente, die seit Jahren bekannt sind, sind in dem Dossier zu finden. In der Anfangszeit meines Militärdienstes wurde der Versuch angestellt, mich einzuspannen, ich habe aber abgelehnt. (…) Später standen meine Frau, meine oppositionellen Kameraden und ich unter ständiger Beobachtung. Wir waren allesamt Zielpersonen der geheimen Ermittlungen der Staatspartei.
Aus den Dokumenten geht darüber hinaus hervor, dass seit Anfang der achtziger Jahre alle möglichen Geheimdienstinstrumente gegen uns eingesetzt wurden. Wir wurden beobachtet, Spitzel wurden auf uns abgestellt, und es wurden auch unsere Arbeitsplätze, Wohnungen, ja sogar unsere Schlafzimmer abgehört.“
Ausschuss für nationale Sicherheit soll tagen
Die oppositionellen Sozialisten (MSZP) preschten Anfang der Woche mit der Initiative vor, den Parlamentsausschuss für nationale Sicherheit zusammenzurufen, um die Unterstellungen von Lajos Simicska gegenüber der Person Viktor Orbáns zu überprüfen. Laut dem stellvertretenden MSZP-Vorsitzenden Zoltán Lukács steht angesichts der Behauptungen Simicskas die Frage im Raum, ob Ungarn heute ein souveränes Land sei oder ob der Ministerpräsident von Russland erpresst werde.
Der Sprecher der rechtsradikalen Partei Jobbik, Ádám Mirkóczki, erklärte, dass seine Partei die Initiative der MSZP zur Einberufung des Ausschusses für nationale Sicherheit unterstütze. Sollte Viktor Orbán die Behauptungen von Lajos Simicska nicht eindeutig dementieren können, müsse er zurücktreten, betonte der Jobbik-Politiker.
Die linksliberale Wochenzeitung Magyar Narancs wies diesbezüglich darauf hin, dass in den vergangenen Tagen weder Orbán noch das Kanzleramt den simplen Satz ausgesprochen hätten, wonach der Premier kein Spitzel gewesen sei. Für das Blatt ist dies mehr als verwunderlich. Zu Redaktionsschluss ereilte uns die Nachricht aus der aktuellen Printausgabe der linksliberalen Wochenzeitung hvg, dass Orbán im Zeitraum 1981-82 in Diensten der „militärischen Abwehr“ des Staatssicherheitsdienstes gestanden habe. Dies ist durch ein vorliegendes Dossier bewiesen, so hvg.



Ja da ist doch dem Simicska mit der lupenreinen weißen Weste eingefallen (oder ein kleines Vögelchen hat ihm gesungen), was bei Medgyessy damals geklappt hat, müsste man auch mal bei Orban probieren.