Von TamásFricz
Der wichtigste Satz Orbáns bei seiner Rede zur Lage der Nation war meiner Meinung nach folgender: „Wenn uns etwas nicht gefällt oder wir etwas anderes wollen, dann sagen wir es doch einander geradlinig ins Gesicht.“ Genau das ist der Punkt.
Dem nationalen – oder konservativen, bürgerlichen, christdemokratischen – Lager sollte es inhärent sein, dass seine Mitglieder in einer offenen Debatte und einem ebenso offenen Dialog einander mitteilen, worin sie einer Meinung sind und worin nicht. Der Bürger steht schließlich für Qualität und eine Werteordnung: Er betrachtet sich mit jedem anderen Mitmenschen als gleichrangig, sei es eine Putzfrau, sei es ein Polizist, sei es ein Beamter, sei es ein Arzt, ein Minister oder der Ministerpräsident. Der Bürger – der ein Mitglied der Zivilgesellschaft ist – erwartet sich im Gegenzug die Achtung seiner Mitmenschen, so wie er sich auch die Achtung der Machtelite gegenüber den Bürgern erwartet.
Er will niemanden überflügeln, zugleich will er sich aber auch nichts und niemandem unterwerfen. Daraus folgt, dass er nicht bereit ist, zu einem Untergebenen zu werden. Der Bürger ist ein geborener Demokrat, und er ist freiheitlich gesinnt wie seinerzeit Széchenyi und Kossuth. Ohne eine stolze und selbstbewusste Bürgergesellschaft gibt es keine und wird es auch niemals eine Demokratie geben, nur Formen der Autokratie. Kurz: Der Bürger steht für Qualität, für die Qualität einer Gesellschaft und eines politischen Systems.
Eine Überhöhung anderer steht dem Bürger fern
Darüber hinaus steht dem Bürger auch jede Überhöhung einer Macht oder eines Politikers fern. Er setzt nicht blindes Vertrauen in Persönlichkeiten, weil er weiß, dass jeder Mensch, so wie er selbst, Fehler macht und Irrtümer begeht, diese korrigiert und wieder Irrtümern anheimfällt et cetera. Ein echter Bürger vergöttert keine Politiker, indessen achtet er Personen, die sich im Stile von Staatsmännern verhalten.
Einem echten Bürger steht es auch fern, Viktor Orbán zu vergöttern und sich ihm blind hinzugeben, weil er weiß, dass er und der Ministerpräsident in ihren Rechten und in ihrer Würde gleichrangig sind – wie dies in Demokratien üblich ist. Allerdings achtet und schätzt er als selbstbewusster Bürger Viktor Orbán dafür, dass er sich als herausragender Staatsmann verhält, perspektivisch denkt und das Wohl seiner Heimat vor Augen hält – im Gegensatz zu seinen linken Vorgängern. Er idolisiert ihn nicht, sondern zieht den Hut vor seinen politischen Qualitäten.
Jetzt hat die national gesinnte Bürgergesellschaft wieder allen Grund, die Leistung von Viktor Orbán zu würdigen. Der Ministerpräsident hat nämlich erkannt, dass im nationalen Lager Antagonismen am Schwelen sind, die nicht unter den Teppich gekehrt werden dürfen. Sollte dies geschehen, werden die Gegensätze und Auffassungsunterschiede naturgemäß noch schärfer zutage treten als bisher.
Diese müssen fürwahr umgehend ausdiskutiert werden, mit der gebotenen Würde, Toleranz und Eleganz, wie es unter Bürgern gang und gäbe ist. Freilich: Bislang gab es einen guten Grund, Gegensätze und Misstöne innerhalb des national-konservativen Lagers nicht hochkommen zu lassen. Der Grund liegt darin, dass der zerstörerische Postkommunismus und der mit ihm verbündete Ultraliberalismus in den Hintergrund gedrängt werden mussten. Wenngleich die linksliberalen Analysten dies heftig bestreiten, so war die Zurückdrängung des Postkommunismus doch ein fundamentaler Schritt zur Schaffung von Demokratie und eines Gemeinwohls in Ungarn. Leider wollen das die westlichen Meinungsbildner überhaupt nicht verstehen.
Der Autor ist Politikwissenschaftler. Der hier in Auszügen abgedruckte Text erschien in der Online-Ausgabe der konservativen Tageszeitung Magyar Nemzet.
Aus dem Ungarischen von Peter Bognar
