Premier Viktor Orbán hielt am Freitag vergangener Woche seine traditionelle Rede zur Lage der Nation. Ort der Rede war diesmal nicht wie gewohnt der Millenáris Park, sondern der Burggartenbasar (Várkert Bazár), dessen aufwendige Renovierung im Vorjahr fertiggestellt worden war. Zu Beginn seiner Ansprache fand der Regierungschef ungewohnt selbstkritische Worte. So gestand er ein, dass seine Regierung bei weitem „nicht perfekt“ arbeite.
Er hielt aber fest, dass seine Regierung in einem Punkt absolut konsequent sein wolle: „Individuelle und Gruppeninteressen“ dürften niemals Vorrang vor dem nationalen Interesse haben. Dies, so Orbán, sei das „Fundament christdemokratischer Politik“. Und an seine Mitstreiter und Parteifreunde gewandt, sagte er: „Beschäftigt Euch nicht damit, ob Gott auf unserer Seite ist, sondern damit, ob wir auf Seiten Gottes sind.“
Harte neue Welt
Der Ministerpräsident ging in seiner Rede zuerst auf die Europapolitik ein. Er stellte fest, dass sich zahlreiche „ernsthafte Fragen“ vor den europäischen Politikern auftürmten, auf die es kaum beruhigende Antworten gebe. Ja, er sei sich nicht einmal sicher, „ob wir die Fragen auch verstanden haben“. Eine besonders wichtige Frage sei, so Orbán, ob Europa sich noch immer in jener Krise befinde, die 2008 ihren Anfang nahm oder bereits eine „neue Welt“ angebrochen sei. „Das ist nicht egal“, betonte er.
Orbán im O-Ton: „Können wir darauf hoffen, dass die Krise noch anhält und das europäische Leben nach ihrem Ende in die alten Bahnen zurückkehrt? Oder müssen wir uns damit anfreunden, dass dies eine neue Welt ist, hart und unfreundlich, der wir uns schleunigst anpassen sollten, wollen wir im internationalen Wettbewerb nicht ins Hintertreffen geraten?“
Er wies darauf hin, dass im Osten Europas die Waffen sprechen (Ukraine), im Süden wiederum wachse aufgrund „ausbeuterischer wirtschaftlicher Hilfspakete“ die Abneigung gegenüber der Europäischen Union, was „radikalen Parteien“ Auftrieb gebe. Hinzu komme, dass im Westen des Kontinentes Terrororganisationen „Kämpfer“ aus den dortigen muslimischen Minderheiten rekrutierten, während an der südlichen Grenze der EU „neue Wellen der Völkerwanderung“ anrollten.
Europa habe heute mit Problemen zu kämpfen, auf die es im Rahmen des „liberalen Multikulturalismus“ unmöglich ist, Antworten zu geben. „Sollen wir jene Menschen hereinlassen, von denen viele nicht bereit sind, die europäische Kultur zu akzeptieren, ja, die sogar daran arbeiten, diese zu zerstören? Wie können wir jenes gemeinsame Europa zurückerlangen, zu dem sowohl die Griechen als auch die Deutschen ‚Ja‘ sagen können?“, fragte er.
Offensive Außenpolitik ist heute angesagt
In Hinblick auf die Außenpolitik Ungarns, verwies Orbán darauf, dass seine Regierung eine neue Doktrin auf den Weg gebracht hätte. Das Land verfolge heute nicht nur eine „souveräne“, sondern auch eine „initiierende“ Außenpolitik. Wie er sagte, hat eine souveräne Außenpolitik aber gewisse Voraussetzungen: Es sei entweder eine große Armee vonnöten oder das Land müsse wirtschaftlich erfolgreich sein.
Letzteres sei dem Land seit 2010 gelungen. Ungarn sei inzwischen eine „wirtschaftliche Erfolgsgeschichte“, was auch Europa „allmählich anerkennt“. Mit Blick auf die Außenpolitik erklärte er denn auch, dass nunmehr die Außenwirtschaft im „Mittelpunkt“ stehe. Um die neue Doktrin der Außenpolitik voranzutreiben seien „junge, talentierte und ambitionierte Menschen“ (unter anderen Außenminister Péter Szijjártó) „ins kalte Wasser geworfen worden, wobei er hinzufügte: „Die Alten in den Rat, die Jungen in die Schlacht.“
Der Ministerpräsident machte diesbezüglich darauf aufmerksam, dass die neue offensive Außenpolitik viele Menschen stutzig mache. Er beruhigte seine Kritiker jedoch mit den Worten: „Mäßigkeit ist natürlich auch in der Außenpolitik wichtig.“ Und Orbán weiter: „Es schadet nicht, wenn wir wissen, wo unsere Grenzen liegen. Wir wollen nicht, dass es uns so ergeht wie dem Tiger in Winnie-the-Pooh, der das Springen übertrieben hat.“
Ungarn ist zurück auf der Landkarte der Europapolitik
Laut Orbán ist es wichtig, dass Ungarn sich gegenüber dem Ausland endlich als „ebenbürtiger Partner“ betrachtet und fühlt: „Wir dürfen keine Angst haben, für unsere Rechte und Interessen einzutreten. Glauben Sie mir, die Welt würdigt und achtet das. Allein in diesem Monat waren ein Staatsoberhaupt, drei Ministerpräsidenten und neun Außenminister bei uns. Sie hatten ihre Gründe hierherzukommen, konnten wir doch Ungarn auf die Landkarte der Europapolitik hieven. Das bezeichnen die Sozialisten und Liberalen als außenpolitische Isolation.“
Ungarn habe bereits 2010 seine Antwort auf die „wichtigsten europäischen Fragen“ gegeben. „Wir leben schon seit 2010 in jener Zukunft, in die heute viele aufbrechen oder sich früher oder später bewegen werden.“ Wie er sagte, hat sich Europa hinter den Wassergräben der Political Correctness verschanzt, es mauert sich in Tabus und Dogmen ein. Im Gegensatz zum Rest von Europa habe Ungarn erkannt, dass die alte Welt, die vor der Krise geherrscht hatte, nicht wiederkehrt.
Es gebe Dinge, so der Premier, die aus dieser alten Welt bewahrt werden sollten, dazu gehöre nicht zuletzt die Demokratie, allerdings eine Demokratie „ohne jegliche Attribute“. Was allerdings gescheitert sei, müsse „losgelassen werden“. Als Beispiel nannte er hierfür die neoliberale Wirtschaftspolitik. Mit dem Neoliberalismus einhergehend sei auch der rigiden Sparpolitik eine Absage erteilt worden – noch ehe wir das Schicksal Griechenlands erlitten hätten.
Liberale Gesellschaftspolitik hat ausgedient
Ungarn habe auch den „Irrglauben der multikulturellen Gesellschaft losgelassen“, noch bevor das Land zu einem Flüchtlingslager geworden wäre. Und es sei auch die liberale Gesellschaftspolitik losgelassen worden, die das Gemeinwohl nicht akzeptiere und die christliche Kultur ablehne, die ein natürliches Fundament der europäischen Gesellschaftsstruktur sei.
Schließlich habe Ungarn auch das Dogma der Political Correctness verlassen – dies um den Preis unwürdiger Angriffe und Anfeindungen. Orbán: „Meines Erachtens ist der Ungar von Natur aus politisch inkorrekt, das heißt, er hat seinen gesunden Menschenverstand noch nicht verloren.“ Der Regierungschef konnte sich auch einen Seitenhieb auf die Liberalen nicht verkneifen. Diese würden nur zwei Meinungen kennen: ihre eigene und jene, die nicht akzeptabel sei.
„Das ungarische Modell“
Der Ministerpräsident sprach auch davon, dass jedes Volk danach trachte, sein eigenes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell zu etablieren. Es habe früher das finnische, österreichische und bayrische Modell gegeben. „Auch wir streben danach, dass all das, was wir in fünf Jahren erreicht haben, als ungarisches Modell in die Geschichte eingehen wird. Dies wird aber die Nachwelt entscheiden, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“ Nach den Worten Orbáns haben die Ungarn aber auf jeden Fall wieder mehr Vertrauen in die Zukunft.
Der Ministerpräsident erinnerte daran, dass das Ausland lange Zeit nicht entscheiden konnte, ob Ungarn ein „schwarzes Schaf“ oder eine „europäische Erfolgsgeschichte“ sei. Es sei dem Westen denkbar schwer gefallen, die Ergebnisse eines Ungarns anzuerkennen, das seine „ach wie tollen Ratschläge“ nicht befolgt habe. Die Analysten hätten unentwegt die Augen verdreht. Jede eigenwillige ungarische Lösung habe mindestens zehn Kritiken nach sich gezogen. Diese Situation habe bis zu jenem Zeitpunkt geherrscht, als es gelungen sei, mit der Konvertierung der Fremdwährungskredite in Forint-Darlehen sowohl die Devisenkreditnehmer als auch das Bankensystem zu retten.
Orbán dankte diesbezüglich auch dem früheren Wirtschaftsminister und heutigen Notenbankchef, György Matolcsy. Wie Orbán sagte, ist es heute bereits natürlich, dass die Ungarn immerzu Unabhängigkeitskämpfe ausfechten. Im Ausland freue man sich nicht darüber, man habe aber verstanden, dass die Ungarn alles anders machen. Die Ungarn seien eben ein Volk, das anders ticke. Zwar grämen sie sich, wenn jemand mit zweierlei Maß misst, ja sie werden bisweilen sogar fuchsteufelswild, aber schließlich hat jedes Volk seine Marotten, so Orbán.

„Meines Erachtens ist der Ungar von Natur aus politisch inkorrekt, das heißt, er hat seinen gesunden Menschenverstand noch nicht verloren.“
In Hinblick auf das Wirtschaftswachstum des Landes (im Vorjahr 3,5 Prozent), betonte Orbán, dass dieses in einem historischen Kontext gesehen werden müsse. Zwischen 1960 und 2010 sei das Wachstum in der Regel von einer massiven äußeren Verschuldung begleitet worden. Die historische Leistung Ungarns bestehe darin, so Orbán, dass das heutige Wachstum die Bilanz des Außenhandels nicht trübe, der Außenhandelsüberschuss habe sich sogar erhöht.
Wachstum basiert nicht mehr auf Schulden
„Nach langen Jahrzehnten oder gar einem ganzen Jahrhundert gründet das Wirtschaftswachstum nicht mehr auf Schulden und im Ausland aufgenommenen Krediten. Dies ist wahrlich ein wirtschaftlicher Durchbruch“, sagte der Premier. Laut Orbán ist dies nicht zuletzt dem ungarischen Volk zu verdanken, das in finanzieller Hinsicht „volljährig“ und „verantwortungsvoll“ geworden ist.
Der Regierungschef machte am Ende seiner Rede eine Ansage. Er versprach, jenen Menschen unter die Arme zu greifen, die gemeinhin als „Verlierer der Wende“ bezeichnet werden. Die ungarische Gesellschaft dürfe nie wieder ein Ort sein, wo es zwischen den einzelnen Stockwerken keinen Verkehr gibt, weil der Aufzug defekt geworden und die Stufen eingestürzt sind. Der ungarische Staat müsse den Menschen zumindest Leitern zur Verfügung stellen, um den sozialen Aufstieg zu meistern.
Orbán versprach denn auch Entscheidungen zu treffen, die das Leben jener Menschen verbessern sollen, die „hart arbeiten“, aber nur „kleine Löhne“ bekämen. So werde die Steuerermäßigung für Familien mit zwei Kindern steigen und ein Programm zur Eigenheimschaffung initiiert. Darüber hinaus sollen die Berufe Polizist, Soldat, öffentlicher Bediensteter eine Aufwertung erfahren, nicht zuletzt finanzieller Natur. Es soll aber auch die finanzielle Situation der Hausärzte verbessert, ein neues System der Facharbeiterausbildung geschaffen und die Speisung der Schüler staatlicher Schulen unentgeltlich gemacht werden.
Der Vorsitzende der rechtsradikalen Partei Jobbik, Gábor Vona, erklärte bei einer Pressekonferenz am Freitag, es sei an der Orbán-Rede abzulesen gewesen, dass es innerhalb des Fidesz Probleme und Unsicherheit gibt. Wie Vona sagte, ist Ungarn im Herbst „aufgewacht“. Aus diesem Grund formuliere er folgendermaßen: „Guten Morgen, Viktor Orbán, gute Nacht, Fidesz!“ Der Oppositionspolitiker forderte ferner „fundierte und konstruktive Debatten“ statt „roher, aggressiver Kampagnen“ und „Erfolgspropaganda“ in den öffentlich-rechtlichen Medien.
Der Politiker der Sozialisten, Roland Márton, reagierte auf die Rede Orbáns ebenfalls in scharfen Worten. Laut Márton befindet sich der Fidesz in einer Krise: „eine Million Wähler haben ihm den Rücken gekehrt, sein größter Förderer (Lajos Simicska; Anm.) ist mittlerweile sein Feind, er wird von den eigenen Abgeordneten kritisiert und von den eigenen Beratern bloßgestellt, und er wird von den eigenen Zeitungen Fernsehsendern im Stich gelassen.“ Was die Ungarn zu hören bekommen hätten, sei eine „Basarrede“ gewesen. Orbán habe sich nach Kräften bemüht, er habe die Realität aber nicht „übertönen“ können.
Der Co-Vorsitzende der Ökopartei LMP, András Schiffer, wies darauf hin, dass die Tätigkeit der Regierung Orbán dazu geführt habe, dass der Lohnunterschied zwischen den Reichsten und Ärmsten in Ungarn europaweit am größten sei. Statt den hart arbeitenden, aber minderbemittelten Menschen in Ungarn unter die Arme zu greifen, hätten Orbán und seine Regierung der maßlosen Bereicherung einiger weniger Fidesz-naher Familien den Weg geebnet.

