
Sprechen, um zu verstehen: Bei der Living Library steht der Austausch im Vordergrund. (Fotos: Lázár Todoroff)
Eine Bibliothek bietet seinem Besucher eine ruhige Atmosphäre, durchzogen von angestrengtem Stöhnen ausgestoßen von qualmenden Köpfen oder den abwesenden Blicken, der in Bücher vertieften Leser. In der Kazinczy Living Library erfährt der Besucher keine dieser beschriebenen Situationen. Wohl deswegen, weil der wichtigste Bestandteil einer klassischen Bibliothek fehlt. Die Bücher.
Als wir im Szimpla Kert ankommen werden wir von einem angeregten Gesprächsteppich und dem einladenden Geruch nach Suppe und Kaffee begrüßt. Bevor wir überhaupt unsere eingespeicherten Benimmregeln wie man sich in einer Bibliothek zu verhalten hat abrufen können, springt uns ein gut gelauntes Mädchen entgegen und fragt laut ob wir uns denn schon in der Bibliothek registriert hätten. Die Tatsache, dass wir in einem angesagten Ruinenbar bürokratische Schritte absolvieren müssen, sorgt zuerst für Verwirrung.
Nach dem Prozedere wird uns noch ein Infozettel zugesteckt, auf dem die Regeln aufgelistet sind, wie man sich in der Living Library zu verhalten hat. Also herrschen hier wohl doch Benimmregeln. Lediglich Punkt sechs verrät, dass die zu lesenden Bücher hier etwas anders aussehen als in einer traditionellen Bücherei. „The reader accepts that the Book can pass on a question or suspend the conversation when he/ she feels it has become too uncomfortable or if his/her dignity is hurt.“
Weiter geht es an einen Tisch, beladen mit Heftern und Ordnern. Alle informieren über die aktuelle Situation zu dem Thema der Veranstaltung „Streets of Budapest“ entweder auf englisch oder auf ungarisch. Verschiedene Hilfsorganisationen stellen sich in Fließtexten vor und beschreiben zum Beispiel die derzeitige Wohnsituation in Budapest oder erklären ihre Vorgehensweise in der Zusammenarbeit mit Süchtigen.
In einem weiteren Ordner finden wir dann die Auswahl der Bücher. Ein kurzer einführender Text beschreibt das Buch, welches für seinen Ausleiher 20 Minuten zur Verfügung steht. Wir entscheiden uns für das Buch „Timi“.
Der Kampf dem stereotypischen Denken
Erneut müssen wir uns anmelden, um das Buch einsehen zu dürfen. Unser Buch ist gerade noch unterwegs, sollte aber in ein paar Minuten wieder zurück gebracht werden. Wir nutzen die Zeit um ein wenig genauer nachzufragen.
Wir unterhalten uns mit Lívia Ásmány. Jung, dynamisch und klar von der Idee überzeugt erklärt sie uns die Einzelheiten. „Living library ist ein neues Konzept aus Dänemark, welches Raum für Interaktion bieten soll. Während in einer konventionellen Bibliothek Bücher ausgeliehen werden könne, können hier Menschen und deren Geschichte für ein ehrliches Gespräch getroffen werden. Die Bücher sind Menschen die stark marginalisierten Gesellschaftsgruppen angehören. Wir haben uns heute dem Thema „Streets of Budapest“ gewidmet. Der Besucher kann sich vorher zu dem Thema informieren und sucht sich dann das Buch aus, mit welchem er reden möchte. Ziel ist, durch das gemeinsame Gespräch Empathie, Verständnis und Respekt zu fördern und dem stereotypischen Denken, welches so fest in unserer Gesellschaft verankert ist, entgegenzuwirken.“
Während Lívia uns all dies erklärt sind ihre Worte von Überzeugung und Enthusiasmus geprägt, wobei ihre Augen auf das Geschehen hinter und neben uns gerichtet sind. Zwischendurch unterbricht sie ihre Sätze und widmet sich ihren Kollegen und neu ankommenden Besuchern, was in keiner Weise unhöflich wirkt, sondern vielmehr zeigt, wo sie ihre Prioritäten legt.
„Hier arbeiten nur Freiwillige, keiner ist gezwungen mitzumachen, was uns die Überzeugung jedes Einzelnen für das Projekt sichert. Zudem ist es wichtig, dass wir Menschen aus anderen Ländern dabei haben, damit auch internationale Besucher, die der ungarischen Sprache nicht mächtig sind, mit unseren Büchern sprechen können.“
Das etwas andere Buch
Dann erscheint unser Buch und wir suchen uns eine kleine gemütliche Ecke zum „lesen“. Zuerst stellt Tímea oder kurz Timi sich vor und erklärt, wie wir vorgehen werden. Sie ist schon seit vielen Jahren als lebendiges Buch unterwegs und hat mittlerweile den besten Weg gefunden sich lesen zu lassen.
Timi erzählt: von ihrer Person, von ihrer Vergangenheit und von ihrer Sucht. Mitte der 80er Jahre war sie drogenabhängig. Sie erzählt von ihrer überbehüteten Kindheit, nie ist sie irgendwo hinauf geklettert und nie ist sie gefallen. Während ihrer Schulzeit hatte sie im Gegensatz zu ihren Mitschülern keine genauen Vorstellungen für ihre Zukunft.
Schließlich lernte sie eine Gruppe „Rebellen“ kennen und spürte, dass sie sich mehr zugehörig fühlte. „Blaue Haare zu haben, ist heute kein Zeichen mehr der Revolte, aber früher waren das die Revoluzzer. Sie haben alle Drogen konsumiert. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Zigarette in der Hand gehabt und dem Alkohol habe ich nach dem ersten Versuch abgeschworen. Irgendwie war ich daher auch in dieser Gruppe ein Außenseiter, aber das änderte sich schnell.“
In dieser Zeit wurde die Samen des Schlafmohns als Teeaufguss konsumiert. Diese haben eine trauminduzierende und euphorisierende Wirkung, welche teilweise auch psychedelisch wirken kann.
„Als ich das erste Mal Mohntee getrunken habe, wusste ich nicht was auf mich zukommt. Ein Bekannter in einer entspannten Runde bei einem Freund trank Tee und hat dabei immer das Gesicht verzogen. Ich fragte ihn wieso, und er sagte erstaunt: „Weißt du denn nicht, dass das Zeug schrecklich schmeckt?“ Mein Interesse war geweckt und ich trank ebenfalls eine Tasse. Dann habe ich mich weiterhin normal unterhalten. Ich wusste schließlich nicht worauf ich warten sollte. Bald setze die Wirkung ein und das darauffolgende Gefühl werde ich niemals vergessen.“
Im ersten Jahr redete sie sich ein, sie wäre nicht abhängig und hätte weiterhin die Kontrolle über die Droge. Sie sei die Besondere, die aus der Gruppe der Abhängigen heraus sticht und niemals in der Sucht enden würde. Sieben Jahr lang war Timi abhängig.
„Ich hatte epileptische Anfälle, wenn ich nicht an meine Drogen gekommen bin. Es war kein Gefühl des Schmerzes, mehr der Hilflosigkeit. Du verlierst plötzlich die komplette Kontrolle über deinen Körper. Irgendwann habe ich eine Dokumentation von einer Entzugsklinik gesehen. Zwei Männer sprachen zum Schluss über ihren Entzug. Ich kannte die beiden. Wir hatten zusammen konsumiert. Sofort wählte ich die Telefonnummer der Klinik. Damit setzte ich den ersten Schritt in Richtung Freiheit.“
Ein Buch der Hoffnung
Die Geschichte von Timi berührt und wirft viele Fragen auf. Wir unterhalten uns viel darüber wie es ist, wenn man fällt und wieder aufstehen muss, wir wollen wissen woran sie sich festgehalten hat und sie erzählt davon, dass sie auch heute noch Krisen hat.
„Wie fühlt es sich an ein lebendiges Buch zu sein?“, fragen wir nach. „Es gehört mittlerweile zu mir. Ich war als Buch auf dem Sziget Festival oder in Schulen. Viele Menschen kommen zu mir und brauchen einen Rat oder eine Meinung. Ich gebe ihnen Hoffnung, weil ich es aus dem Drogensumpf geschafft habe. Es ist aber auch eine Hilfe für mich, denn mit jedem Mal, wenn ich meine Geschichte erzähle, verarbeite ich sie. Es ist zudem bereichernd zu erfahren wie die Menschen reagieren, was sie für Fragen stellen und manchmal auch etwas von sich selbst preisgeben. Ich weiß nie wie ich meine Geschichte beginnen werde. Es wäre auch schrecklich, wenn ich wie ein Roboter Sätze herunter rattern würde.“
Zum Schluss verrät uns Timi noch, das Ende ihres Buches. Zuerst wundert sie sich lachend über die Frage und sagt ich lebe noch, das Buch wird erst mit meinem Tod beendet. Jedoch haben ihre verschiedenen Kapitel ihre eigenen Abschlüsse.
Die werden hier nicht verraten, denn wie es sich für eine Buchbeschreibung gehört, wollen wir auch nicht zu viel vorweg nehmen.
Bevorstehende Events:
7. März
Szimpla Kert VI. Kazinczy utca 14


