Am Donnerstag feierte das neue Stück des Offline:ontheaters „Torony 3“ (Turm 3) Premiere. Die Frage des Gehens oder Bleibens bewegt viele junge Ungarn, und so bewegen sich nun auch die Akrobaten rund um Regisseur Ben Glass, um dieser Frage auf ungewöhnliche Weise zu begegnen.
Das Ensemble des Offline:ontheaters ist bunt gemischt. Ben Glass selbst ist Akrobat und Regisseur. Er erinnert sich: „Seinen aktiven Anfang hatte das Stück bereits 2008. Ich wollte damals meinen Wohnwagen verkaufen, in dem ich vorher einige Jahre gewohnt hatte und mit dem ich zwei Jahre auf Tournee mit einem Wanderzirkus war.“ Doch das mobile Heim war innen vom Zahn der Zeit zerfressen, eine neue Aufgabe für das einstige Zuhause musste her. „Ich beschloss, den Wohnwagen umzubauen und als Bühne zu verwenden.“ Bis heute ist dies der Grundstock des Bühnenbildes im Stück „Torony“, wird jedoch von Jahr zu Jahr weiterentwickelt und verändert: „Der Turm wuchs in enger Symbiose mit der artistischen und theatralen Arbeit.“ Teil dieser Arbeit ist in diesem Jahr auch die frühere Leiterin des alternativen Theaters Tűzraktér, Ágnes Simor, die, wie Ben sowohl Regie führte als auch im Stück als Darstellerin agiert. Doch Simors Fußverletzung macht dies leider vorerst unmöglich. Für würdigen Ersatz ist jedoch gesorgt.
Vorstellung in luftiger Höhe
Und hier kommt die Besonderheit des Turm 3 ins Spiel. Denn die Darsteller sind fast allesamt Akrobaten, das Stück findet auf verschiedenen Ebenen statt, mal auf dem acht Meter hohen Gerüst, mal am Seil hängend, mal mit einer Tuch-Akrobatik. Da ist beispielsweise Ilka Bárdoczy. Am Tag ist sie Poledance-Lehrerin, am Abend verzaubert sie mit schier unglaublicher Körperbeherrschung die Zuschauer, wenn sie an der vier Meter hohen Stange hinaufklettert, hinabgleitet, sich in alle Richtungen dreht und windet. Dabei hat ihre Szene nicht im Ansatz mit dem sonst eher aus Nachtclubs bekannten „Poledance” zu tun. Ilka liefert im „Torony“ eine akrobatische Meisterleistung, die einen staunend mit der Frage zurück lässt: „Ist dazu ein menschlicher Körper wirklich fähig?”
Mit viel Humor und Charme sind auch Sophie Zoletnik und Geret Gergely Kiss am Werk, wenn sie in einer Kopf-über-Tanzeinlage die ungarische Folklore mit einem Augenzwinkern ganz neu darstellen. Beide sind feste Darsteller im Freak Fusion Cabaret. Doch Geret und Sophie zeigen noch mehr. Jonglieren, kein Problem – aber in acht Metern Höhe? Selbstverständlich! Und während die Jonglage und der Volkstanz mehr etwas zum Schmunzeln und Staunen ist, ist Sophies Solo im schwebenden Ring zum Dahinschmelzen. Ihre zarten Bewegungen und ihr Körper, der die Grenzen des physisch Machbaren schlicht Lügen straft, sind allein schon eine Vorstellung wert. Eingebettet in das Stück „Torony 3“ werden sie gar noch hinreißender.
Dass nicht nur das Gerüst, der Turm selbst, sondern auch die Nerven der Darsteller aus Stahl sind, beweisen sie des öfteren während des Stücks. Balázs Orbán, Industriekletterer und Neuling im Ensemble, beispielsweise führt Handstand und andere Figuren hoch über den Köpfen der Zuschauer ungesichert und mit einer Seelenruhe aus, dass man meinen möchte, er übt auf einer dick gepolsterten Matte. Immer wieder erklimmen die Darsteller den Turm von allein Seiten, so auch über das Tuch, welches an der höchsten Ebene des Turms befestigt ist. Das Akrobatik-Tuch ist ein weiterer Höhepunkt des Stücks. Ilka Bárdoczy und Balázs Orbán zeigen, wie „Gehen oder Bleiben?” an diesem aussergewöhnlichen Element zu einem Teil der Geschichte wird.

Neues Theater: Ein alter Wohnwagen plus eine Badewanne plus ein tolles Ensemble ergibt die Erfolgsmischung für das Stück „Torony 3“.
Premiere perfekt, Zukunft ungewiss
Lediglich Márton Vincze ist kein Akrobat, doch der charmante Lockenkopf bringt mit seinem humorvollen Spiel eine lebhafte Facette ins Stück. Natürlich ist Musik ein entscheidender Faktor im nonverbalen Theater, und so kommt den Musikern Balázs Igaz, Richárd Horváth und Dani Váci eine besondere Rolle zu. Sie performen live, wobei sie einen bedeutenden Teil vor Ort improvisieren, immer als Reaktion auf das Geschehen im Stück. Dass dieses besondere Stück im kreativen Umfeld des Art Quarter Budapest Premiere feiert, ist mehr als passend, braucht so ein buntes, vielfältiges Ensemble wie das Offline:ontheater doch ein passendes Zuhause. „Torony 3“ hat seine vorläufige Heimat zwar gefunden, doch Unterstützung wird trotzdem benötigt, damit der Turm einen erfolgreichen Sommer und noch viele weitere Spielzeiten vor sich hat.
Torony 3 – Menni vagy maradni?
15. Juli, ab 21 Uhr
Art Quarter Budapest
XXII. Nagytétényi út 48-50
Eintritt kostenlos
www.offlineon.eu


