In den vergangenen Monaten hatte der Deutsche Wirtschaftsclub (DWC) Referenten aus dem Regierungslager wie auch der Opposition geladen, um den Mitgliedern und Gästen zu helfen, sich ein Bild von der ungarischen Wirklichkeit zu machen. Als Referenten traten ausschließlich Männer auf. Beim letzten DWC-Vortragsabend vor der Wahl wurde mit Katalin Szili, der erfolgreichsten ungarischen Politikerin aller Zeiten, prominent für Ausgleich gesorgt.
Bevor sie ans Rednerpult trat, hatte DWC-Vorsitzender Arne Gobert eingangs darauf hingewiesen, dass es in der ungarischen Politik ein bedeutendes Frauendefizit gibt. Danach würde es im – gegenwärtig noch etwa 384 Abgeordneten starken – ungarischen Parlament nur 36 weibliche Abgeordnete geben, was einer Quote von 9,4 Prozent entspricht und Ungarn im Europa-Vergleich den letzten Platz beschert. Zum Vergleich: Deutschland liegt mit einem Frauenanteil von 36,5 Prozent auf Platz 9 und Österreich mit 33,3 Prozent auf Platz 11. Am weitesten vorn und damit am dichtesten am Frauenanteil in der Gesellschaft liegt übrigens Schweden mit 45 Prozent.
An den Fähigkeiten ungarischer Frauen kann dieser peinlich niedrige Frauenanteil im ungarischen Parlament ganz sicher nicht liegen. So präsentierte der DWC-Vorsitzende gleich noch den Anteil von Frauen in Führungspositionen des Wettbewerbssektors, wo Ungarn mit einem Wert von 32 Prozent unter den EU-27- Ländern immerhin auf einen guten 9. Platz kommt und damit sogar noch vor Deutschland (29 Prozent) liegt. Mit der Bitte, unter anderem diesen Widerspruch zu klären, übergab er sodann Frau Szili das Wort. Als eine mögliche Erklärung antwortete sie mit anderen statistischen Erhebungen: Danach würden sich ungarische Frauen in der Politik lieber von Männern vertreten lassen und hätten mit der stark männerlastigen ungarischen Politik mehrheitlich also kein Problem.
Konsolidierung oberste Priorität
Mit dieser Erwartungshaltung findet sich zumindest Frau Szili nicht ab: Seit 1990 mischt sie erfolgreich in der männerdominierten ungarischen Politik mit, die meiste Zeit sogar in Spitzenpositionen, unter anderem als Parlamentspräsidentin (2002-2009) und derzeit als Vorsitzende der christlich-sozialen Partei KTI, nachdem sie hrer ursprünglichen Partei, der MSZP, zuvor wegen derer Wandlung zu einer sozial unsensiblen neoliberalen Partei den Rücken gekehrt hatte. „Ich werde so lange in der Politik bleiben, solange ich das Gefühl habe, etwas zum Positiven hin verändern zu können“, stellte sie mit Blick auf ihre weitere Polit-Karriere fest. Ganz oben auf der Aufgabenliste sieht sie die Konsolidierung des Landes, die für sie nur über einen Dialog möglich sei, was sie sogleich zum Thema des Abends brachte.
Absage an die Quote
Während die politische Couleur der einzelnen Regierungen permanent wechselte, habe der Frauenanteil im ungarischen Parlament seit 1990 stets unter zehn Prozent gelegen. Teilweise läge das an der zuvor erwähnten Einstellung ungarischer Wählerinnen, teilweise aber auch an der rauen, maskulinen Atmosphäre im Parlament, wo eher Hass, gegenseitiges Nichtverstehenwollen und verbale Gewalt vorherrschten, und wo eher weibliche Verhaltensweisen wie Konsens-Orientierung und der Wunsch nach konstruktiver Zusammenarbeit als Schwäche ausgelegt würden. Von Quoten, um an diesem Zustand etwas zu ändern, hält Frau Szili übrigens nur wenig und würde ihre Einführung höchstens befürworten, um erst einmal diesen Prozess anzuschieben. Das Führungspersonal ihrer neuen Partei KTI bestehe übrigens zu 33 Prozent aus Frauen – ohne jegliche Quote. Bezüglich der Zukunft des demnächst deutlich verkleinerten Parlaments macht sie sich keine Illusionen: „Im neuen Parlament wird es anteilsmäßig wahrscheinlich noch weniger Frauen geben.“
Jan Mainka

