Mehrere hunderttausend Ungarn sind seit der Wende ausgewandert – ein Thema für den Wahlkampf vor den Parlamentswahlen Anfang April. Für die Betroffenen aber ist es keine politische Frage, wenn sie der Wunsch nach einem besseren, menschenwürdigen Leben in die Ferne treibt.
Auswandern war für die Bewohner der lustigsten Baracke im einstigen sozialistischen Lager kein Thema, die Systemwende kehrte wegen neu aufkeimender Hoffnungen vorübergehend sogar die Wanderungsrichtung um. Auch mit dem EU-Beitritt fühlten die Magyaren – im Gegensatz etwa zu den Polen – keinen massenhaften Drang, ihre Chance auf den liberalisierten Arbeitsmärkten des Westens zu suchen. Großbritannien beispielsweise entdeckten sie so richtig erst mit dem Ausbruch der Krise für sich.
Wenn man sich die hiesigen Einkommens- und Preisverhältnisse anschaut, kann man die Beweggründe der Auswanderer leicht an Existenzfragen festmachen. Laut Statistischem Amt erreichen die Nettolöhne der Ungarn im Schnitt 500 Euro – seit Jahren wachsen diese in der Europarität nicht mehr, weil der Forint heute gegen die „harten Währungen“ so schlecht wie nie zuvor getauscht wird. Während der Durchschnittsbürger ständig nur die Preise steigen sah, wuchs das Renommee von Auslandsjobs in dem Maße, wie sich Erfolgsgeschichten vom Aufstieg der „Tellerwäscher“ verbreiteten. Wer gleich wo in Westeuropa einen korrekt bezahlten Job findet, kann nach bewältigten Anlaufproblemen gut und gerne mehrere 100 Euro im Monat zur Seite legen, qualifizierte Fachkräfte schaffen mühelos 1.000 Euro und mehr. Grobe Schätzungen setzen die Zahl der im Ausland einer Beschäftigung nachgehenden Ungarn auf eine halbe Million Menschen an, die Weltbank kalkuliert das Volumen der Geldtransfers von 460.000 Ausgewanderten in die Heimat seit dem EU-Beitritt 2004 mit 1,5-2 Mrd. Euro im Jahr Tendenz steigend. Vermutlich irgendwo ab Aussichten auf 5.000 Euro Sparvermögen pro Jahr wagt ein Ungar den Wegzug. Denn hierzulande verdient der Durchschnittsbürger mit zwölf Monaten Arbeit netto nicht viel mehr, als diesen Betrag – von Sparen kann da keine Rede sein. Zumal die Durchschnittswerte leicht über die Realitäten hinwegtäuschen, denn beinahe zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigten bringen kaum 100.000 Forint (umgerechnet also nur 300-400 Euro) im Monat nach Hause.
Es gibt andere Statistiken, in denen etwa die gut betuchten Magyaren subjektiv einschätzen, wie viel Geld sie benötigen, um als Ungar in Ungarn anständig leben zu können: Aktuell sind dies 200.-250.000 Forint pro Kopf; eine Familie mit zwei Kindern verlangt den anspruchsvollen Eltern somit Nettogehälter wie in Westeuropa ab. „Otto Normalverbraucher“ setzt die Ausgaben für einen anständigen Lebenswandel bescheidener mit 100.-120.000 Forint an; wohlgemerkt pro Kopf. Von dem Nettogehalt, das sich Millionen Arbeitnehmer und Angestellte Monat für Monat einteilen müssen, bleibt praktisch nichts zum Füttern des Sparschweins über.
Exakter lassen sich die Realitäten messen. Also berechneten die Statistiker aus den ungarischen Einzelhandelsdaten, dass eine gewöhnliche vierköpfige Familie im Jahre 2012 mit gut 3 Mio. Forint Konsumausgaben übers Jahr kam. Das sind in „West“-Währung umgerechnet 10.000 Euro, die ein ausgewanderter Ungar in ungefähr zwei Jahren Auslandsarbeit ersparen kann. Wo beide Kinder auswärts für das Glück der Daheimgebliebenen rackern, ist der Weg zum familiären Wohlstand somit frei.
RA

