Jugendarbeit fristet stiefmütterliches Dasein
Ádám Nagy ist schon rein äußerlich eine beeindruckende Erscheinung. Groß, breitschultrig und mit entschlossenem Gesicht. Gleich zu Beginn des Gesprächs wird dann auch klar, was diesen Mann ausmacht – es ist die Überzeugung, die aus ihm strahlt. Solch einen Mann wünscht man sich im Jugendbereich. Und genau dort ist Nagy tätig. Die Budapester Zeitung sprach mit ihm über die Situation von Jugendorganisationen, Aussichten und Probleme.

Ádám Nagy ist einer der anerkanntesten Fachmänner im Bereich Jugendarbeit.
Ádám kann wohl zu Recht als eine Instanz der Jugendarbeit in Ungarn bezeichnet werden. Zwei Standardwerke des Soziologie- bzw. Sozialpädagogikstudiums hat er verfasst, er lehrt an der Universität und leitet neben einem Forschungsinstitut eine Stiftung, die sich mit Jugendarbeit beschäftigt. „Das Problem mit der Jugendarbeit des Staates ist, sie findet einfach nicht statt,“ fasst Ádám Nagy die momentane Lage zusammen. Von vielen falsch wahrgenommen ist Jugendarbeit weder ein Teil der Familien- noch der Bildungspolitik, sondern ein eigenständiger Bereich.
Unter Jugendarbeit ist indes keinesfalls nur Notfallbetreuung zu verstehen: „Selbstverständlich ist es als Jugendarbeiter unsere Aufgabe, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in schwierigen Situationen beizustehen. Dies kann zum Beispiel ein geplantes Comingout sein oder die Suche nach Hilfe bei Suchtverhalten“, erklärt Nagy. Doch nicht nur dies gehört zum Aufgabenfeld. Mindestens ebenso wichtig ist die sinnvolle Gestaltung von Freizeit. „Bei Jugendarbeit geht es vorrangig darum, die Eigenständigkeit zu fördern, das Abkapseln von der Familie zu ermöglichen. Neben Familie und Schule soll Jugendarbeit die dritte Stufe der Sozialisierung darstellen.
Die Angebote für Jugendfreizeiten haben sich aufgrund der Nachfrage indes verändert. Während diese früher beliebt waren, um den Sommer ohne Eltern zu verbringen fahren Jugendliche und junge Erwachsene heute lieber zu Festivals. „Wobei der pädagogische Wert eines Festivals im Gegensatz zu einer Jugendfreizeit wohl eher zu vernachlässigen ist“, stellt Nagy fest.
Gemeinschaftsgefühl kaum vermittelbar
Wie kritisch die Lage der Jugendfreizeiten heute ist, wird deutlich, wenn man einen Blick zurück in den vergangenen Sommer wirft. „Einer der Hauptdarsteller der Fernsehshow Valóvilág (ähnlich wie BigBrother in Deutschland; Red.) war Hauptorganisator einer Sommerfreizeit. Natürlich ist davon auszugehen, dass es im Hintergrund einige Fachleute gab, aber wenn das Hauptaugenmerk der Freizeit darauf liegt, mit jemandem in Kontakt zu kommen, der an solch einer Show teilgenommen hat, stellt sich erneut die Frage nach dem pädagogischen Wert,“ zeigt sich Nagy sichtlich verärgert. Das Marketing sei toll gewesen, aber die fachliche Kompetenz sei doch stark in Zweifel zu ziehen.
Doch nicht nur das „Wer“ ist bei der Organisation von Jugendfreizeiten heute ein Problem. Auch das „Wie“ wird immer bedenklicher: „Ein Camp sollte immer so konzipiert sein, dass sich alle Häuser um einen Hauptplatz herum konzentrieren. So wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt. Dahingegen werden heute Camps gebaut, bei denen jedes dritte Haus beispielsweise komplett aus der Reihe fällt und auf den Zaun blickt.“ Und auch die bauliche Umsetzung sei mehr als besorgniserregend. Nagy berichtet aus seiner Erfahrung: „Es gibt Camps, die direkt nach ihrer Übergabe eigentlich schon wieder eingerissen werden müssten. Bauliche Mängel, wohin man blickt. Es wird viel zu wenig auf Qualität geachtet“.
Bisher sei die Lage schlecht gewesen, langsam hingegen sei sie katastrophal. „Uns geht immer mehr die Luft aus“ gibt Nagy zu. „In den letzten 20 Jahren hat sich die Situation der Jugendarbeit immer mehr verschlechtert. Keine der Regierungen hat es auch nur im Ansatz geschafft, einen Schritt in die richtige Richtung zu unternehmen“, konstatiert der Sozialwissenschaftler. „Jede Regierung hatte einen Plan zur Neugestaltung der Jugendarbeit gehabt. Allerdings wurden diese Pläne niemals verwirklicht.“ Immer sei die Verabschiedung wegen bevorstehender Wahlen dann doch ausgeblieben.
Chancen- und mittellos
Wie dramatisch die Situation ist, zeigt ein kurzer Blick auf die Zahlen. In wirtschaftlich besseren Zeiten lag das Jahresbudget für Jugendarbeit bei etwa zwei bis drei Milliarden Forint. Nagy rechnet vor: „Der nun verabschiedete Haushalt für das kommende Jahr sieht für Jugendarbeit 530 Millionen Forint vor. Als Kerngruppe der Jugendarbeit zählen die etwa 11- bis 30-Jährigen. Bei einer Zielgruppe von insgesamt rund 2,5 Millionen Menschen reicht das Geld nicht mal für einen Hamburger pro Person pro Jahr“. Sinnvolle Arbeit könne so unmöglich finanziert werden, sagt Nagy kopfschüttelnd.
Vor allem ein Netz von sogenannten Jugendbüros wäre enorm wichtig. „In diesen Büros können junge Menschen Hilfe zu den verschiedensten Themen finden.“ Nagy hebt einen der wichtigsten Punkte heraus: „Hilfe passiert in diesen Jugendbüros immer 100-prozentig anonym. Diese Art der Hilfe nennt man niedrigschwellig, da es keinerlei Anforderungen gibt. Wir helfen, wo wir können. Wir wollen weder Namen noch Adressen noch sonst etwas von unseren Klienten .Das Ganze ist eine Mischung aus Seelsorge und Organisationsbüro“, erklärt Nagy. In Békéscsaba wird so ein Jugendbüro betrieben. Dort kann Hilfe vor Ort geleistet werden.
Absolute Ignoranz
Würde es nur an Geld fehlen, wäre die Situation noch irgendwie zu meistern. „Was uns aber am meisten zu schaffen macht, ist die absolute Ignoranz gegenüber unserer Arbeit“, gibt Nagy zu bedenken. Das Wenige, das in diesem System funktioniert habe, sei mittlerweile auch zerstört worden: „Uns wurde jegliche, auch nicht-finanzielle Unterstützung für Informationszentren und Fachkonferenzen gestrichen.“ Dies sei aber nicht weiter verwunderlich. Laut Nagy gibt es erstens keine starke Lobbygruppe, die für die Interessen der Jugendarbeit einsteht. „Außerdem haben wir es teilweise mit Mitarbeitern in wichtigen Positionen zu tun, die absolut jeder Fachkenntnis entbehren“. Nagy berichtet von einer Fachkonferenz, auf der ein Regierungsvertreter die Diskussion mit den Worten „Lassen Sie uns nicht über Sozialisierung reden, ich mag das Wort nicht“ zu ersticken suchte.
Dass Ungarn auch im internationalen Vergleich sehr schlecht dasteht, erschwert die Situation zusätzlich: „In fast allen europäischen Ländern gibt es Kinder- und Jugendräte, die dann eine Delegation zum European Youth Forum entsenden. Wir können daran nicht teilnehmen, da es keine solchen Räte gibt“ Dadurch fehle es nicht nur an internationalen Kontakten. „Die Räte sind außerdem eine gute Möglichkeit für Kinder und Jugendliche, Elemente der Demokratie zu lernen“, sagt Nagy.
Ádám Nagy liegt die Jugendarbeit am Herzen, dies wird mehr als deutlich. Besonders schwer zu ertragen sei es, dass viele Menschen, auch Politiker, bei Jugendarbeit sofort an die Zuschlag-Affäre denken und damit an Korruption und Hinterziehung. „Das beste wäre, wenn die letzten zehn Jahre einfach gelöscht würden und wir alle nochmal komplett neu anfangen könnten.“
Forschungsinstitut Excenter
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