„Bedenke, was dich glücklich macht“
Auf den ersten Blick sind die Mitarbeiter der Stiftung Kék Pont alapitvány von den Feierwütigen auf Partys oder Festivals kaum zu unterscheiden. Nur das Infomaterial um sie herum wirkt eventuell etwas befremdlich. Sie sind dort, um die Feiernden vor Schlimmerem zu bewahren, um aufzuklären und vor allem um zu helfen.

Renáta Karátson von Kék Pont: „Wir wollen den Gebrauch von Drogen nicht legalisieren, nur sicherer gestalten.“
Seit 1997 existiert die Stiftung, ihre Arbeit begann sie mit Beratungsstellen für Suchtkranke. „Von Anfang an stand ein Gedanke im Vordergrund, nämlich die Lebenssituation der Drogenkonsumenten zu verbessern“, erklärt Renáta Karátson von Kék Pont. So wurde von Anfang an versucht, die Benutzung von Drogen so sicher wie möglich zu gestalten. „Wir haben mit einem Nadeltausch-Programm angefangen. Dort besteht für Drogenkonsumenten, die sich flüssige Mittel injizieren, die Möglichkeit, ihre gebrauchten Spritzbestecke gegen sterile zu tauschen.“ Doch nicht allein damit wurde gearbeitet. Vielmehr ging es darum, durch vielseitige Angebote, wie beispielsweise Rechtsberatung, Sozialarbeit und medizinische Versorgung den Konsumenten zu helfen. Renáta betont an dieser Stelle wohl einen der wichtigsten Punkte der Stiftung: „Kék Pont ist absolut neutral in Sachen Drogenpolitik. Wir stellen uns weder neben die Befürworter der Legalisierung noch verteufeln wir den Konsum von Rauschmitteln“.
Doch nicht nur sterile Nadeln werden angeboten. Renáta erklärt, dass es überdies auch Beratungen zu allen denkbaren Fragen gibt: „Aufgabe der Stiftung ist es, so viel Hilfe wie möglich zu bieten. Neben der Beratung zu den verschiedenen Drogen oder Gesprächen über das Nutzungs- und Suchtverhalten hat bei uns jeder die Möglichkeit, Fragen zu stellen.“ Ob dies nun mit Rauschmitteln aufgegriffene ausländische Touristen sind, die juristischen Beistand brauchen, verunsicherte Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen oder Konsumenten, die sich um ihr Nutzungsverhalten sorgen. „Wir sind nicht für Drogenkonsum, aber wenn sich jemand dafür entscheidet, dann soll er gut informiert sein, etwa über die Risiken und möglichen Gesundheitsschäden“, sagt Renáta.

Aufklären statt verbieten: Kék Pont auf einem Festival.
Party–Service sorgt für Sicherheit
Kommt ein Konsument zur Stiftung wird ein personalisierter Vertrag mit ihm geschlossen. Auch das ist eine Besonderheit von Kék Pont. „In diesem Vertrag werden die persönlichen Ziele des Konsumenten festgelegt, beispielsweise ob er vom Stoff weg will, ob er reduzieren will oder ob er sich einfach nur bewusst machen will, wie es um ihn steht“, erklärt Renáta. Dem Konsumenten stehen dann im Beratungszentrum neben Sozialarbeitern auch Ärzte, Psychologen und weitere Fachleute zur Seite. Doch können sich auch Angehörige an die Stiftung wenden.
Eine weitere Besonderheit der Stiftung ist ihre Flexibilität. So bietet die Stiftung einen sogenannten Party-Service. „Das ganze ist ein Programm, welches ausschließlich mit Freiwilligen funktioniert.“ Kék Pont entsendet fachkundig geschulte und geprüfte Freiwillige auf Festivals und Partyevents, um vor Ort Konsumenten zu helfen. „Angefangen vom Verteilen von Wasser gegen Dehydrierung über das Verteilen von Partypacks bis hin zu Kontrollgängen, ob jemandem schlecht ist, machen wir fast alles.“ Die Partypacks bestehen je nach Event aus einem Desinfektionstuch, einem kleinen Röhrchen und Traubenzucker. Bei diesem Päckchen steht einmal mehr der Gedanke der Schadensbegrenzung im Vordergrund: „Wenn sich jemand schon die Nase zuziehen will, dann soll er das wenigstens nicht mit einem Geldschein machen. Der ist voller Bakterien und kann zu Infektionen führen“. Authentizität und Glaubwürdigkeit sind unerlässlich für die Arbeit der Stiftung, deswegen arbeiten im Partyservice nur Freiwillige, die entweder selbst Drogenkonsumenten waren oder für den jeweiligen Abend beschlossen haben, abstinent zu bleiben. „Partygänger können sich auch einfach nur zu uns setzen und reden, zum Beispiel, wenn sie gerade einen bad trip (durch Drogenkonsum ausgelöste Angstzustände) durchleben.“ Doch auch auf Partys selbst wird Aufklärungsarbeit geleistet: „Vor Ort versuchen wir die Feiernden zu sensibilisieren, dass sie es vermeiden sollten, verschiedene Stoffe zu mischen, viel Wasser zu trinken, keinen Alkohol zu konsumieren und pro Stunde mindestens fünf Minuten Pause beim Tanzen einzulegen.“

Unterscheidung zwischen Ge- und Missbrauch.
Maßlosigkeit bei Alkohol nimmt zu
Tatsächlich hat insbesondere der Alkoholkonsum auf Partys stark zugenommen. „Daraufhin haben wir mittels Ausschreibungsgelder vor zwei Jahren das Mértékletesség-Programm (Maß halten) begonnen.“ Kern dieses Programms ist es, Menschen bewusst zu machen, wie sie mit Genussmitteln und Lustquellen umgehen sollen, erklärt Renáta. Dazu zählen neben Drogen und Alkohol auch die Internetnutzung, Sex, Shopping – eben alles, was dem Menschen Freude bereiten kann. „Es ist erstaunlich, woraus Menschen Freude und Energie ziehen können.
Reflexion verändert Genussverhalten
Doch bei jedem positiven Reiz besteht bei einem Übermaß die Gefahr der Sucht.“ Eben dies soll vor allem jungen Menschen im Rahmen des Partyservice bewusst gemacht werden. Einerseits durch Gespräche, andererseits dadurch, dass sie über ihre Gewohnheiten online Buch führen können, also welche Freudenquelle wie oft genutzt wurde und welches Maß an Freude dadurch erreicht wurde. „Nach zwei Wochen oder 30 Tagen werten wir dann die Angaben aus und senden die Auswertung – natürlich anonym – an den Konsumenten.“ Aus eigener Erfahrung berichtet Renáta, wie sehr sie der Gedanke des bewussten Genusses verändert hat: „Maß halten ist heute sehr schwer, die bewusste Auseinandersetzung damit kann das Leben verändern. Man sollte sich die Frage, ob man etwas wirklich braucht, viel öfter stellen. Prinzipiell glaube ich, solange wir eine Unterscheidung zwischen Gebrauch und Missbrauch treffen, können wir mit allem ein Leben lang glücklich sein.“
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