Viele Franken-Kreditnehmer in argen Nöten
Die Sorgenfalten der ungarischen Devisenkreditnehmer dürften sich in den vergangenen Wochen in tiefe Furchen verwandelt haben. Jene Währung, die Grundlage für die meisten Fremdwährungskredite in Ungarn ist, der Schweizer Franken (CHF), steigt und steigt. Anfang August galoppierte der Franken auf sage und schreibe 273 Forint. Immerhin hat sich der CHF-Forint-Wechselkurs seither etwas abgeschwächt, bei Redaktionsschluss kostete der Franken knapp 240 Forint, gleichwohl ist die Schweizer Währung auf einem Niveau, das die ungarischen Franken-Kreditnehmer in Existenzängste stürzen lässt.

Letzten Mittwoch wollten Bewohner dieses Hauses in Székesfehérvár im Falle einer Zwangsräumung ihr Heim durch eine Gasexplosion in die Luft sprengen. Die Tragödie konnte verhindert werden.
Um die Situation der CHF-Kreditnehmer zu verdeutlichen, ein Beispiel: Hat jemand im Jahr 2008 zum damaligen Wert des Franken von 150 Forint einen Kredit in Höhe von fünf Millionen Forint mit einer Laufzeit von 20 Jahren aufgenommen, so muss er heute monatlich um rund 60 Prozent mehr zurückzahlen als zu Beginn der Kreditaufnahme. Kein Wunder also, dass für viele ungarische Haushalte die Bedienung ihrer Franken-Kredite schlechthin unmöglich geworden ist.
Rettungsring
Seit dem 12. August können die finanziell in die Bredouille geratenen Devisenkreditnehmer, bei denen die Rückzahlungsausfälle 90 Tage noch nicht überschritten haben (rund 262.000 Haushalte), einen wichtigen Rettungsring aus dem von der Regierung unter Viktor Orbán und dem Ungarischen Bankenverband in diesem Sommer geschnürten Hilfspaket in Anspruch nehmen. So haben sie die Möglichkeit, ihre Rückzahlungen maximal drei Jahre lang bei einem steten CHF-Forint-Wechselkurs von 180 zu bedienen (bei Euro-Krediten liegt dieser Wert bei 250 Forint, bei Yen-Krediten bei zwei Forint). Die Wahl dieser Möglichkeit steht den Schuldnern bis Jahresfrist offen.
Einfrieren des Wechselkurses
Da ein solches Einfrieren des Wechselkurses einer Modifizierung des Kreditvertrags entspricht, muss hierfür allerdings eine Gebühr von einigen zehntausend Forint bezahlt werden. Unklar ist derzeit auch, ob es nach Ablauf der drei Jahre einen staatlich garantierten Plafond hinsichtlich des Anstiegs der Rückzahlungsraten geben wird.
Zwar hat der Sprecher von Viktor Orbán, Péter Szijjártó, Anfang August versprochen, dass es einen Plafond von 15 Prozent geben wird, allerdings wurden von der Regierung diesbezüglich noch keine gesetzlichen Schritte gesetzt. Wird es keinen Plafond geben, könnten bei einem anhaltenden Sturzflug des Forint gegenüber dem Franken die Rückzahlungen für die CHF-Kreditnehmer in schier unbedienbare Sphären steigen. Bei der Schaffung eines Plafonds wiederum werden sich die Laufzeiten ausdehnen, in manchen Fällen sogar um mehrere Jahrzehnte.
Jenen rund 123.000 Devisenkreditnehmer, die ihre Rückzahlungen seit mehr als 90 Tagen nicht mehr zu bedienen imstande sind, steht die Möglichkeit einer Wechselkurs-Einfrierung nicht offen. Diesen Schuldnern dürfte bereits die am 1. Oktober bevorstehende teilweise Aufhebung des Zwangsversteigerungsmoratoriums schlaflose Nächte bereiten (diejenigen Kreditnehmer, deren Immobilie mehr als 30 Millionen Forint wert ist und deren Kreditvolumen mindestens 20 Millionen Forint entspricht, haben den staatlich garantierten Schutz gegen Zwangsversteigerungen bereits am 1. Juli 2011 verloren).
Auf Grund der ab Oktober dieses Jahres bis Ende 2014 gültigen vierteljährlichen Zwangsversteigerungs-quoten (die Anfangsquote von zwei Prozent wird jedes Jahr um ein Prozent bis zu einem Wert von fünf Prozent steigen) könnten insgesamt bis zu 47.000 Zwangsvollstreckungen vorgenommen werden. Um dies bei einem Teil der zahlungsunfähigen Kreditnehmer zu verhindern, ist der Staat bereit, 5.000 Schuldnern unter die Arme zu greifen, indem er ihnen ihre Wohnungen zu einem wohlfeilen Preis abkauft. Wie die Wochenzeitung HVG vorrechnete, würde dies dem Staat bis Ende 2014 bei einem durchschnittlichen Wohnungspreis von 8,2 Millionen Forint und einem 50-prozentigen Kaufpreis mehr als 20 Milliarden Forint kosten.
Laut der ungarischen Notenbank (MNB) belief sich das Kreditvolumen der Devisenkreditnehmer in Ungarn im Juni dieses Jahres auf 5.386 Milliarden Forint. Allein in der kurzen Zeitspanne Mai bis Juni stieg das Volumen um rund 50 Milliarden Forint. Und auch im Zeitraum Juni bis Juli betrug der Zuwachs des Kreditvolumens der Fremdwährungskreditnehmer etwa 50 Milliarden Forint.
Hohe Schulden bei den Selbstverwaltungen
Unterdessen hat auch der Bürgermeister von Gödöll? und Vorsitzende des Verbands der ungarischen Selbstverwaltungen (MÖSZ), György Gémesi, die Alarmglocken geläutet. Gegenüber dem Wirtschaftsblatt Figyel? sagte Gémesi, dass das Kreditvolumen der ungarischen Selbstverwaltungen mehr als 1.200 Milliarden Forint betrage, wobei 600 Milliarden zwischen 2006 und 2008 zum Großteil in Form von Schuldscheinen aufgenommen worden seien.
Während in den ersten Jahren nur die Zinsen zu zahlen gewesen seien, stehe bei einem Gros der Selbstverwaltungen nun die Rückzahlung des Kapitals an. Doch fehlt es bei vielen Selbstverwaltungen an allen Ecken und Enden an Geld. Aus diesem Grund setzte Gémesi im Namen des MÖSZ ein Bittschreiben an die Adresse der Regierung Orbán auf, um einen einjährigen Aufschub bei den Kapitalrückzahlungen zu erwirken. Die Regierung lehnte dies jedoch ab und verwies die Selbstverwaltungen an die Banken.
