Geld fehlt an allen Ecken und Enden
Wer sich in Ungarn in ein Krankenhaus begibt, sieht sich mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. Nicht selten muss man als Patient Hygieneartikel, Nahrungsmittel und Medikamente selbst mitbringen. Die Ausstattungsstandards zwischen den Abteilungen variieren stark und allenthalben herrscht akuter Geldmangel.

Hinter den Fassaden der meisten Budapester Krankenhäuser regiert die Geldnot.
Wie prekär die Zustände sind zeigt der Blick in eines der hauptstädtischen Krankenhäuser. „Bei uns gibt es 27 Betten, wobei wir monatlich 70.000 Forint zur Verfügung haben, um unsere Station aufrechtzuerhalten“, fasst eine Krankenschwester die Situation zusammen. Ihren Namen und den ihres Krankenhauses möchte sie lieber nicht genannt wissen, „aber die Zustände sind überall ähnlich schlimm“, sagt sie. Aus dem monatlichen Budget in Höhe von 70.000 Forint (knapp 270 Euro) muss die Station Medikamente, Reinigungsmittel, Arbeitsmittel wie Papier und Druckerpatronen und Toilettenpapier bestreiten. „Oft können wir unseren Patienten nicht die benötigten Medikamente gewährleisten, weil wir einfach keinen Rahmen mehr dafür haben. Dann schreiben die Ärzte die Medikamente auf Rezept, und die Verwandtschaft bringt sie.“ Dies sei zwar nicht erfreulich, aber nicht anders machbar. „Wir müssen manchmal die Regeln des Systems umgehen.“ Und wenn dies nun mal bedeute, dass die Patienten ihre Medikamente selbst besorgen müssen, „weil es so für alle Beteiligten günstiger ist“, dann sei das eben so.
Neben den Ärzten leiden auch die Schwestern unter unzureichender Bezahlung. „Ich bekomme mit mehr als 30-jähriger Berufserfahrung und Nachtzuschlägen 90.000 Forint pro Monat.“ Um zu überleben, sieht sie sich gezwungen, auch noch nebenbei zu arbeiten. „So arbeite ich sechs Tage in der Woche und versuche am Sonntag dann alles, was während der Woche liegen geblieben ist aufzuholen.“ Etwa 70 Prozent der Krankenschwestern nähmen neben ihrer Arbeit im Krankenhaus eine Stelle als Putzhilfe an, weil „das zeitlich flexibel“ sei. „Vor 30 Jahren war die Situation noch anders, seither haben sich die Zustände aber stetig verschlechtert. Heute wird unsere Berufung schamlos ausgenutzt.“
Große Unterschiede zwischen Stationen
Dass es zwischen den einzelnen Stationen große Unterschiede gibt, ist kein Geheimnis. „Es ist vorgekommen, dass Ärzte unserer Abteilung Papier von zuhause mitgebracht haben, um im Krankenhaus drucken zu können. „Ich weiß von Kolleginnen auf Kinderstationen, die im Freundes- und Bekanntenkreis Spielzeug und Plüschtiere für ihre Abteilung sammeln. Dafür ist nämlich am allerwenigsten übrig.“ Stationen, denen eine besondere Bedeutung beigemessen wird seien generell besser ausgestattet. „Es gibt einfach nicht genug Geld für alle. Deswegen gehen eben mehr Mittel an die Intensiv- oder gynäkologischen Stationen.“
Während die meisten Schwestern kein Dankesgeld (hálapénz) annehmen, sei das bei vielen Medizinern anders. Eine junge Fachärztin bestätigt diese Sicht. „Es sind vor allem die „sichtbaren“ Ärzte, die das große Geld kassieren. Insbesondere Chirurgen, Gynäkologen und Oberärzte streichen teilweise unverschämt große Summen ein. „Aber natürlich darf man nicht verallgemeinern.“ Sie selbst ist Anästhesistin und zählt damit zu den nicht sichtbaren Ärzten im OP. „Ich kam bisher ein- oder zweimal in solch eine Situation, dass mir Dankesgeld angeboten wurde. Ich habe abgelehnt. Für mich ist das moralisch nicht vertretbar.“
Solche Fälle sind jedoch noch nicht die Regel. „Es gibt ungeschriebene Regeln im Medizinerbetrieb. Eine davon lautet, dass von Mit-Medizinern kein Dankesgeld genommen wird. Einige Ärzte halten sich aber selbst nicht daran.“ Usus sei es auch, Schwangere aus der Kliniksprechstunde in die Privatsprechstunde zu lotsen. „Eine Schwangere geht gut einmal pro Monat zur Kontrolluntersuchung. Das sind etwa 10.000 Forint pro Untersuchung. Die Entbindung selbst lassen sich die Gynäkologen dann noch einmal mit bis zu 100.000 Forint Dankesgeld vergüten.“
System muss umgestellt werden
Doch das System krankt nicht nur an dieser Stelle. „Normalerweise hat jedes Krankenhaus einen finanziellen Rahmen, um Überstunden zu bezahlen. Ist dieser ausgereizt, werden Überstunden nicht mehr bezahlt.“ Die Anästhesistin erklärt, dass es dann einfach keinen Bereitschaftsdienst mehr gäbe. Besonders hier müsste die Regierung tätig werden.
Sowohl Pflegepersonal als auch Ärzte fordern mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Warum die Gewerkschaft der im Pflegedienst Tätigen sich nicht mit der Vertretung der Assistenzärzte zusammengeschlossen hat, konnte bis dato allerdings nicht beantwortet werden. Dóra Nagy, Vorsitzende der Assistenzärztevertretung, drückte auf Anfrage der Budapester Zeitung ihr Bedauern darüber aus, dass seitens der Pflegepersonalvertretung keine Reaktion auf eine angebotene Kooperation erfolgt sei.
