„Wir wollen doch nur anständig leben können“
Am Freitag vergangener Woche stellten Miklós Réthelyi, Leiter des Ministeriums für Nationale Ressourcen, Miklós Szócska, der für das Gesundheitswesen verantwortliche Staatssekretär, und Hanna Páva, stellvertretende Staatsekretärin, das Angebot der Regierung vor, mit dem sie den Streit zwischen Ärzten und Regierung beenden wollen. Dieses stieß jedoch auf wenig Begeisterung.

Viele Ärzte arbeiten an zwei oder gar drei Stellen, um finanziell über die Runden zu kommen.
Dóra Varga ist die Vorsitzende der Vereinigung der Assistenzärzte. Eine dynamische junge Frau, der man anmerkt, dass sie ihren Beruf als Berufung versteht. Der freundliche Zug um ihre Augen verschwindet jedoch, wird das Thema „Stipendien für junge Ärzte“ angesprochen. „Wir erfuhren über das sogenannte „Angebot“ der Regierung am Freitag selbst erst über die Medien, es gab keinerlei Gespräche im Vorfeld zur Einigung oder Konsultation“ macht Varga ihrem Ärger Luft.
Zur Erinnerung: Das am Freitag vorgestellte Angebot sieht vor, 600 Universitätsabgängern ein fünfjähriges Stipendium für die Zeit ihrer Facharztausbildung anzubieten. Monatlich wären das 100.000 Forint. Im Gegenzug verpflichtet sich der Stipendiat, im Anschluss an seine Ausbildung fünf Jahre lang in Ungarn zu arbeiten und sogenanntes „Dankesgeld“ (hálapénz) nicht anzunehmen. Der Staat behält sich hier ebenfalls vor, die fertigen Stipendiaten auf die Krankenhäuser im Land zu verteilen. Statt sich nach Ende ihrer Facharztausbildung selbst einen Arbeitsplatz zu suchen, soll dies nun auf Zuteilung geschehen. Im Falle eines Vertragsbruchs muss das komplette Stipendium mitsamt Zinsen zurückgezahlt werden – binnen 30 Tagen.
Ungerechtes Angebot
Varga stößt sich gleich an mehreren Punkten in diesem Angebot. „Das Stipendium ist für 600 Ärzte vorgesehen. In Ungarn gibt es aber rund 28.000 zugelassene Ärzte. Wo bleibt das Angebot für den Rest?“ Auch die Bezeichnung „Stipendium“ kritisiert die engagierte Anästhesistin. „Ein Stipendium geht nicht in den Rentenanspruch mit ein, diese fünf Jahre sind aber enorm wichtig für die spätere Berechnung.“ Doch schlimmer sei, was nach den Stipendienjahren kommt. „Normal wäre es, dass man als abgeschlossener Facharzt mehr verdient als in der Ausbildung. Aber das Einstiegsgehalt eines Facharztes liegt bei 140.000 Forint.“ Nicht einmal ganz 530 Euro sollen später zum Überleben reichen. Für dieses Stipendium können sich junge Mediziner nun bewerben. Ob dies jedoch Anklang finden wird, bezweifelt Varga.
Dabei sind die Forderungen der Vertretung der Assistenzärzte nachvollziehbar. „Die Lebenshaltungskosten sind in Ungarn mitunter sogar höher als in Deutschland, besonders was die Lebensmittelpreise angeht.“ Die Vertretung, die nicht nur für die Interessen der Assistenzärzte eintritt, sondern für alle Ärzte, fordert einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit. „Und da fange ich gar nicht an, über Verantwortung und die langen Jahre des Lernens zu reden“, sagt Varga. Vielmehr sei es einfach nicht nachvollziehbar, dass die Reinigungskraft der privaten Reinigungsfirma in Stunden weniger arbeitet und dabei mehr verdient als Assistenzärzte. „Während der Ausbildung arbeiten wir manchmal 14 Stunden am Stück wobei die Überstunden nicht und die Bereitschaft nur gelegentlich bezahlt werden“, erklärt Varga.
Eine Frage der Ethik
Doch nicht nur die Lage der Assistenzärzte sei unhaltbar. „Wir haben in diesem Land die absurde Situation, dass ein Arzt mit zwei zusätzlichen Qualifikationen, also Facharztausbildungen, 20 Jahren Berufserfahrung und einem Doktortitel 170.000 Forint netto bekommt. Das sind nicht einmal 650 Euro“. Die Vertretung der Assistenzärzte steht deshalb auch für die Rechte der älteren Kollegen ein. „Es wäre widersinnig, sich nur auf eine kleine Gruppe der Ärzteschaft zu konzentrieren, wir müssen gemeinsam für unsere Sache einstehen“. Neben diesen Zahlen verwundert es nicht, wenn Ärzte an zwei oder gar drei Stellen Dienst tun, um ihre Familie zu ernähren. „Mitunter kommen so 60 Stunden und mehr an Dienst pro Woche zusammen. Das ist nicht nur viel zu viel, sondern lebensgefährlich. Oder möchten Sie der Patient sein, den ein Arzt in seiner dritten Schicht operiert?“, fragt Varga.
Das Märchen vom sogenannten Dankesgeld bringt nur einem verschwindend geringen Teil der Ärzteschaft tatsächlich Vorteile. „Dankesgeld ist nichts anderes als Schmiergeld. Fast alle Ärzte lehnen es aus ethischen Gründen ab und empfinden es als erniedrigend. Leider sind sie allerdings häufig dazu gezwungen, es anzunehmen – schlicht um zu überleben.“ Eine frühere Untersuchung hatte ergeben, dass 90 Prozent der Dankesgelder an etwa zehn Prozent der Ärzte gehen. „Für viele Ärzte ist gerade das Dankesgeld ein Grund zum Auswandern. Dabei lieben sie ihre Heimat und möchten nichts anderes, als hier aus einem Gehalt leben können.“
Konkret fordert die Vertretung der Assistenzärzte Gehälter, aus denen nicht nur das Überleben, sondern auch ein würdiges Leben möglich ist. Varga ist sich der wirtschaftlichen Situation des Landes bewusst, „deswegen fordern wir auch keine skandinavischen oder deutschen Gehälter.“ In Zahlen ausgedrückt heißt das: für Assistenzärzte, also noch in Ausbildung befindliche Mediziner fordert die Vertretung 200.000 Forint netto pro Monat, für Fachärzte 300.000 Forint netto im Monat. „So könnten Ärzte von einem Gehalt leben und müssten nicht mehr von Dienst zu Dienst hetzen und ihre sowie die Gesundheit ihrer Patienten gefährden.“
Akuter Handlungsbedarf
Welch großer Druck auch von anderer Seite auf der Regierung lasten muss, wird deutlich, wenn man sich an den medizinischen Universitäten umsieht. „Deutsche Headhunter laden Medizinstudenten im letzten Semester zu Bewerbungsgesprächen ein. Die Gespräche finden meist sogar auf Ungarisch statt, ein Dolmetscher übersetzt. Und noch vor ihrem Staatsexamen haben die Studenten dann einen Vorvertrag für ihre Facharztausbildung in Deutschland. „Die Ärzte von dort zurück zu locken, ist so gut wie unmöglich“, so Varga.
Wie viele Ärzte ihre Kündigung bereits bei Anwälten und Notaren hinterlegt haben, ist nicht bekannt. „Aus strategischen Gründen halten wir diese Zahl geheim,“ erklärt Varga. Aber nach Jahrzehnten der Vernachlässigung des Gesundheitssystems sind nun statt blumiger Worte endlich Taten gefordert.
Solidarität zwischen medizinern
In einem offenen Brief wandte sich die Ungarische Vereinigung der Assistenzärzte an ihre Kollegen und bat um Solidarität. Jeden Tag verlassen drei Medizinerkollegen das Land gen Westen. Bis 2013, so die dramatischen Aussichten, würden so 4.000 Ärzte dem Land den Rücken kehren, wodurch das Gesundheitssystem Ungarns vom Zusammenbruch bedroht wäre.
In ihrem Brief fordern die Assistenzärzte jedoch nicht nur Solidarität unter den Medizinern, sondern sehen sich auch ihren Patienten gegenüber verpflichtet, mit Entschlossenheit gegen die schlimmen Zustände im Gesundheitswesen vorzugehen.
Die Zahlen sprechen für sich. So verdient nicht nur ein Berufseinsteiger etwa so viel wie ein Straßenfeger, auch bei bereits erfahrenen Ärzten sieht es finanziell nicht viel besser aus. Darüber hinaus finden viele Ärzte im Ruhestand nicht das Auskommen mit ihrer Rente.
Die Lebenserwartung von Ärzten ist um sieben Jahre niedriger als der gesamtungarische Durchschnitt.
Neben der Ungarischen Vereinigung der Assistenzärzte, die sich als Sprachrohr aller Ärzte versteht, haben sich der Aktion "Für ein lebenswertes ungarisches Gesundheitssystem" und der damit verbundenen notariellen Hinterlegung der Kündigung auch die Ungarische Ärztevereinigung und die Ungarische Ärztekammer angeschlossen.
Die Forderungen der Ärzte:
1 Wir erwarten, dass der durchschnittliche Grundlohn eines Arztes das Dreifache des ungarischen Durchschnittsgehaltes beträgt. (Ab dem 1. Januar 2012 mindestens 200.000 Forint Lohn für beginnende Ärzte, 300.000 Forint für beginnende Fachärzte, wobei hier eine nach Erfahrung gestaffelte Anhebung zu erfolgen hat!)
2 Wir erwarten die Einhaltung der gültigen rechtlichen Richtlinien, insbesondere in Bezug auf die Abrechnung von Überstunden und freiwillig geleisteter Mehrarbeit.
3Wir erwarten, dass wir unseren Beruf entsprechend der wissenschaftlichen Standards ausüben können, insbesondere in Bezug auf die administrativen Belastungen, die Arbeitsbedingungen und die Qualität der Facharztausbildung.
