Die Situation der Medien in Deutschland und Ungarn
Als Beitrag zur kulturellen Verständigung hat es sich das Goethe-Institut Ungarn zur Aufgabe gemacht, die Sichtweise Deutschlands und des jeweiligen Gastlandes zu bestimmten Themenschwerpunkten anhand von redaktionellen Inhalten und medialen Elementen zu präsentieren. Das nun im Rahmen der „interkulturellen Begegnungsplattform“ veröffentlichte Dossier befasst sich mit Journalismus und Medien in Ungarn und Deutschland.

Unterschiedliche Einstellung: Deutsche Journalisten sind eher linksliberal, ungarische eher rechtskonservativ.
Die Artikel verschiedener Journalisten befassen sich mit der aktuellen Situation der Medienlandschaft der beiden Länder. Dabei geht es sowohl um das Konsumverhalten der Bevölkerung als auch um die Position der Presse an sich – Themen wie das neue Mediengesetz und die Selbstregulierung der Presse stehen dabei im Vordergrund. Das deutsche System wird dabei durchaus als Vorbild herangezogen, auch wenn aufgezeigt wird, dass es auch hierbei Verbesserungen geben könnte. Zugleich wird aber auch betont, dass vorzeigbare Systeme nicht einfach kopiert werden können, sondern dass jede Medienlandschaft für sich den richtigen Ansatz zum Umgang mit internen und externen Problemen finden muss. Neben den Artikeln selbst finden sich zu jedem Thema Verweise auf relevante Internetseiten, die weitergehende Informationen bieten. Auf diese Weise ergibt sich für jeden Interessierten ein guter Einblick in die Thematik.
Selbstregulierung statt Mediengesetz
Ilona Móricz ist die Leiterin des „Unabhängigen Medienzentrums“, das bereits 2007 eine „Medienselbstregulierungsinitiative“ startete. Nach Meinung des Zentrums ist ein staatlicher Eingriff in die Presse eigentlich nicht nötig, vielmehr sollten Journalisten selbst zu einer Einigung über einen allgemein verbindlichen Ethikkodex kommen. Ein erster Vorstoß in diese Richtung wurde bereits im Jahre 2008 gemacht, als die sogenannten „Ethischen Richtlinien“ des Medienzentrums vorgelegt wurden und bei vielen Vertretern der Branche auf Zustimmung stießen. In einem Interview stellte sich Móricz Fragen zur aktuellen Situation in Ungarn, insbesondere zum umstrittenen Mediengesetz.
Das langfristige Ziel des Medienzentrums seien nicht nur allgemein akzeptierte Richtlinien, sondern auch die Schaffung eines medieninternen Gremiums, das deren Einhaltung kontrollieren soll. Dabei geht es weniger um eine Überwachung der Journalisten, als vielmehr um eine Instanz, die sich mit presseethischen Problemen auseinandersetzt. Hier können Beschwerden vom Konsumenten angenommen sowie überprüft und außergerichtlich geklärt werden. Als Beispiel für das gute Funktionieren eines solchen Systems nennt Móricz Deutschland und Großbritannien. Hier hat sich die Praxis bewährt, dem Beschwerdeführer durch freundliche Gesten wie etwa einem Entschuldigungsbrief entgegenzukommen. Diese Methode sei so schnell wie effektiv und erspare beiden Seiten viel Aufwand. Móricz möchte dieses System nicht kopiert sehen, aber als Ausgangspunkt für eine eigene Strategie sei es durchaus nützlich. Aufschluss über das Beispiel des deutschen Presserates, der als Abwehrreaktion gegen staatliche Regulierung im Jahr 1956 gegründet wurde, gibt der Artikel der Diplom-Journalistin Stefanie Hallberg.
Ilona Móricz lehnt einen staatlichen Einfluss auf die Regulierung nicht rundweg ab. Allerdings sollte die staatliche Rolle eher darin bestehen, den vom Gremium gefassten Entschlüssen Geltung zu verschaffen, statt der – im Mediengesetz vorgesehenen – Kontrolle der medieninternen Gremien durch externe Institutionen. Ein Eingriff von außen widerspricht der Selbstregulierung schon im Ansatz – die inhaltlichen und ethischen Fragen des Journalismus sollten die Journalisten selbst entscheiden, so Móricz.
Bildschirm statt Papier
Mit dem Konsumverhalten der ungarischen Bevölkerung befasst sich der Beitrag von Iván Miklós Szeg?. Dem internationalen Trend folgend verbringen die Ungarn immer mehr Zeit vor dem Fernseher und im Internet, wohingegen der Konsum der Printmedien deutlich abgenommen hat. Zwar halten es 80 Prozent der Ungarn für wichtig, tagesaktuell informiert zu sein, allerdings werden diese Informationen in erster Linie dem Medium Fernsehen entnommen. Im letzten Jahr verbrachten die Ungarn im Schnitt 284 Minuten pro Tag vor dem Fernseher – ein nicht gerade wünschenswerter europäischer Rekord. Als zweite Informationsquelle nennen die Ungarn das Radio, erst auf dem dritten Platz finden sich die Printmedien. Wenig überraschend sind auch die Erkenntnisse über die Altersgruppen, die die gedruckte Zeitung bevorzugen: Die ältere Generation nutzt die Zeitung als Informationsquelle, wobei das Lesevergnügen an sich bei dieser Gruppe nicht unterschätzt werden sollte. Junge Leute informieren sich eher aus dem Internet: Vor allem die „Breaking News“, Eilmeldungen also, sind zum Großteil wesentlich aktueller als die gedruckte Zeitung. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich auch die „Last Minute News“, bei denen der Leser im Minutentakt über das aktuelle Geschehen informiert wird. Szeg? hebt allerdings hervor, dass die Internetportale oftmals keine fundierten Hintergrundinformationen liefern können, was ein gut recherchierter Zeitungsartikel durchaus zu leisten vermag.
Anpassung statt Kritik
Ein weiterer Beitrag des Dossiers beschäftigt sich mit dem Berufsbild des Journalisten in Ungarn. Zsolt Bogár zeigt die Schwierigkeiten auf, denen seine Kollegen aktuell ausgesetzt sind. Abgesehen von der auch unter Journalisten vorherrschenden Meinung, dass die Arbeit ihrer Kollegen sehr zu wünschen übrig lässt, ist die Situation für die ungarischen Pressearbeiter je nach lokaler oder überregionaler Ausrichtung ihrer Arbeit verschieden. Seriösem Journalismus steht außerhalb von Budapest keine Plattform zur Verfügung, so der zitierte Tamás Bod, der als freier Journalist in Südostungarn lebt. Die regionale Presse berichte kaum kritisch, wohingegen die überregionalen Blätter zwar überpolitisiert seien, aber dem Konsumenten zumindest die Freiheit der Wahl ließen. Ein anderes Problem sieht Bogár in den Erwartungen von Politik und Verlegern, deren Druck sich die Journalisten oftmals ausgesetzt sehen. Dabei haben die hiesigen Journalisten eine ganz andere politische Ausrichtung als ihre westlichen Kollegen. Letztere sind in der Mehrzahl linksliberal eingestellt, wobei erstgenannte eher rechtskonservativ einzustufen sind. Bogár betont, dass alle diese Erkenntnisse auf einer Studie beruhten, die bereits 2006 durchgeführt worden sei – seither habe sich vieles geändert, eine aktuelle Studie sei dringend nötig.
Diese drei Artikel bilden nur einen Ausschnitt der Forschung des Goethe-Instituts. Weitere Beiträge zum Thema „Journalismus: Medienlandschaft und Medienmacher“ finden sich unter http://www.goethe.de/ ins/hu/bud/ges/medien/deindex.htm.
Das Thema „Medien“ ist aber nur das erste einer Reihe von Schwerpunkten aus Sicht der beiden Länder, denn das Institut möchte einen möglichst breitgefächerten Einblick in die Sichtweisen Ungarns und Deutschlands, auch zueinander, geben. Das aktuelle Dossier ist aufgrund der Brisanz der behandelten Themen ein gut gewählter Einstieg dafür.
