Die Regierung verliert – die Opposition auch
Das Meinungsforschungsinstitut Szonda Ipsos veröffentlichte unlängst ihre neuesten Umfragewerte. Die Wählerzustimmung für die Regierungsparteien, aber auch für die anderen politischen Kräfte, ist auf einem neuen Tiefstand. Dies ergab die Auswertung der Zahlen durch das Politikforschungsinstitut Policy Solutions.

So sehr sich auch die Parteien nach wie vor um Zuspruch von der Bevölkerung bemühen, immer mehr Bürger schauen einfach gelangweilt weg.
Noch nie waren die Umfragewerte so schlecht, der Wählerzuspruch für die Parteien und Politiker so gering, lautet das vernichtende Urteil des Instituts. Am drastischsten fällt die öffentliche Bewertung des Staatspräsidenten aus. Pál Schmitt ist ein Jahr nach seiner Wahl der unbeliebteste Staatspräsident der vergangenen 15 Jahre. In Sachen Popularität liegt er bei 37 Punkten. Zum Vergleich: Sein Vorgänger László Sólyom lag auf dem Tiefpunkt seiner Popularität bei 42 Punkten. Doch es gibt Politiker, die noch unbeliebter sind: László Kövér, Pál Schmitts Nachfolger im Amt des Parlamentspräsidenten, errang bei der repräsentativen Umfrage durch Szonda Ipsos nur 31 Punkte.
Der Abwärtstrend ist aber auch bei anderen Spitzenpolitikern zu beobachten. Ministerpräsident Viktor Orbán ist mit 38 Punkten auf dem Tiefpunkt seiner bisherigen politischen Laufbahn angelangt. Allerdings: Er ist nach wie vor der beliebteste Politiker in Ungarn. Die führenden Oppositionspolitiker Attila Mesterházy (MSZP), András Schiffer (LMP) und Gábor Vona (Jobbik) dümpeln zwischen 30 und 25 Punkten. Damit liegen sie mit den unbeliebteren Regierungsmitgliedern etwa gleichauf.
Parteien liegen auf einem Tiefstand
Doch nicht nur die Wählerzustimmung für die einzelnen Politiker sinkt, auch der Zuspruch für die Parteien nimmt ab. Laut Szonda Ipsos hat die Regierungspartei Fidesz innerhalb von wenigen Monaten zehn Prozent an Wählerzustimmung verloren. Während im Januar noch 34 Prozent der Befragten Fidesz ihre Stimme gegeben hätten, waren es im Mai nur noch 24 Prozent. Die MSZP stagniert hier bei 12 Prozent, die rechtsradikale Partei Jobbik liegt bei neun, die Partei „Eine andere Politik ist möglich“ (LMP) bei fünf Prozent. Die Zahl der unentschlossenen Wähler stieg seit Januar von 43 auf 53 Prozent. Deutlich ist, dass die Wählerzustimmung für das Regierungslager in den vergangenen Monaten sukzessive gesunken ist, sowohl im Hinblick auf die einzelnen Politiker als auch die Regierungsparteien. Fraglich ist allerdings, warum die Opposition bisher nicht davon profitieren konnte.
Katastrophale Kommunikation
Den Popularitätsverlust des Fidesz macht das Politikforschungsinstitut Political Capital an zwei Faktoren fest. „Nach Wahlen ist es ganz normal, dass der Wählerzuspruch für die Regierung nachlässt“ erklärt Gergely Gimes. „An der Regierung ist es wesentlich schwieriger, auf die Wünsche der Wähler einzugehen, als dies in der Opposition möglich ist.“ Jedoch sei der über das normale Maß hinaus gehende Popularitätsrückfall einem anderen schwerwiegenderen Punkt geschuldet. „Der eigentliche Sturzflug der Regierung begann, als den Wählern dämmerte, dass die Mehrheit der Gesellschaft von der Senkung der Einkommensteuer (Einführung einer 16-prozentigen Einkommenssteuer für alle – Anm.d.Red.) gar nicht profitiert und Sparmaßnahmen unausweichlich sind“, verdeutlicht Gimes die Situation. Noch im Wahlkampf habe der Fidesz damit geworben, dass die Zeit der Einsparungen und Kürzungen vorbei sei. Die Enttäuschung der Wähler sei dementsprechend groß gewesen.
Opposition kann nicht punkten
Die Oppositionsparteien ihrerseits konnten aus der Situation kein Kapital schlagen. Auch ihre Umfragewerte sinken oder stagnieren zumindest. Gábor Csaba Molnár und Gábor Takács vom Politikforschungsinstitut Nez?pont erklären dies folgendermaßen: „Zwar waren bei der letzten Umfrage Wählerbewegungen zu beobachten, allerdings stieg lediglich der Anteil der unentschlossenen beziehungsweise der Nichtwähler.“ Die Oppositionsparteien böten keine wirkliche Alternative. Weder inhaltlich noch personell seien MSZP, LMP und Jobbik so aufgestellt, dass eine Entscheidung zu ihren Gunsten für den Wähler attraktiv wäre.
Die MSZP hat mit ihren innerparteilichen Kämpfen genug zu tun. Der anhaltende Konflikt zwischen dem ehemaligen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány und dem Rest der Partei dürfte hierzu nicht unwesentlich beitragen. Dem Wähler bleiben diese Querelen natürlich nicht verborgen. Ähnlich wie der SPD in Deutschland traut man einer Partei, die zerstritten ist, die Führung des Landes nicht zu. Eine wirksame Oppositionspolitik und eine klare Positionierung sind bisher durch permanente interne Streitigkeiten verhindert worden. Gimes sieht ein weiteres Problem, mit dem die MSZP zu kämpfen hat, in der Vergangenheit der Partei. Damit sind nicht die vergangenen 20, sondern bloß die letzten acht Regierungsjahre gemeint. Im Verlauf dieser acht Jahre sei die MSZP gehörig in Misskredit geraten. „Der damit verbundene Vertrauensverlust seitens der Wähler werde den Sozialisten noch sehr lange Zeit zu schaffen machen“, ist Gimes überzeugt. Die MSZP erreichte bei den Parlamentswahlen 2006 noch mehr als 43 Prozent der Wählerstimmen. Der Wählerzuspruch für die Partei hat sich seither halbiert.
Neue Parteien haben kaum Chancen
Viele Wähler sehen auch ein Jahr nach den Parlamentswahlen 2010 in den „neuen“ Parteien Jobbik und LMP keine Alternative, weder zur Regierungskoalition noch zur MSZP. In den Augen von Gábor Molnár und Gábor Takács vom Nez?pont Intézet hat die rechtsradikale Partei Jobbik als Protestpartei an Anziehungskraft eingebüßt. Dafür ist nicht zuletzt auch die Politik der Regierung verantwortlich. Insbesondere die Übernahme von Symbolen und Themen wie der Krone oder das Wahlrecht für im Ausland lebende Ungarn machten es Jobbik fast unmöglich, sich zu profilieren. Auch habe die rechtsradikale Partei in den ersten Monaten der Legislaturperiode offenbar Schwierigkeiten gehabt, mit dem Tempo der Regierung Schritt zu halten. „Genau genommen konnte Jobbik nur reagieren. Eigene Akzente konnte die Partei kaum setzen“, erklärt Gimes. Takács fügt an: „Da ihre Politik im Parlament ergebnislos blieb, kehrte Jobbik zu den bewährten außerparlamentarischen Aktionen und Praktiken zurück.“ Darunter versteht das Nez?pont Intézet vor allem Kundgebungen und Aufmärsche, wie sie zuletzt in Gyöngyöspata zu sehen waren (die Budapester Zeitung berichtete). Auch mit ihrer Annäherung an paramilitärische Gruppen wie Véder? (Schutzmacht) will Jobbik Wähler zurückgewinnen.
Die LMP ist ebenfalls seit dem vergangenen Jahr im Parlament vertreten. Von vielen anfangs als neu, dynamisch und unverbraucht wahrgenommen, ist bei der LMP eine Stagnation zu beobachten. Zwar wartet die LMP nach wie vor mit beliebten und von der gesellschaftspolitisch wichtigen Themen auf, jedoch ist es ihnen bisher nicht gelungen, diese massentauglich zu thematisieren, erklärt Gimes vom Institut Political Capital. Die LMP habe sich anfangs jedenfalls sehr schwer getan, ihren angemessenen Platz im Parlament zu finden. Das Nez?pont Intézet sieht den Grund für die mangelnde Anziehungskraft der LMP wie folgt: „Noch immer dauern die Diskussionen innerhalb der Partei an, in welche Richtung man sich bewegen soll.“
„Wählerwechsel brauchen Zeit“
Dies alles mag wohl der Grund dafür sein, warum die Oppositionsparteien bisher keinen nennenswerten Vorteil aus dem Popularitätsverlust der Regierung ziehen konnten. Für den namhaften Politikwissenschaftler und Universitätsdozenten Gábor Török habe der Prozess eines Umschwungs noch nicht begonnen. Bereits im Januar schrieb er in seinem Blog, dass es in Ungarn vorerst zu keinen Verschiebungen des Parteiensystems kommen werde. Vielmehr sei es am Wahrscheinlichsten, dass das quasi Zweiparteiensystem in Ungarn weiterhin bestehen bleibe, dass also Fidesz und MSZP als richtungweisende Parteien wieder erstarken. Vor allem aber ließe sich jetzt noch keine Trendwende ablesen: „Ein Lagerwechsel braucht Zeit. Schon früher hatten die Massen Zeit gebraucht, um sich von einer politischen Seite zur anderen zu bewegen.“ Außerdem bräuchten die Wähler einfach Zeit, um sich darüber klar zu werden, welcher Partei sie das Potential zur Veränderung tatsächlich zutrauten. Es bleibt also weiterhin spannend.
