„Integration ist alternativlos“
Vergangene Woche Freitag lud die Deutsche Schule Budapest den Staatssekretär für soziale Integration, Zoltán Balog, sowie den ehemalige Außenminister Péter Balazs zu einem Diksussionsforum ein. Die beiden Politiker sprachen vor und mit den Schülern der Klassen 11 und 12 über Probleme sowie die Möglichkeiten im Umgang mit der Roma-Minderheit, sowohl speziell in Ungarn als auch generell in Europa. Dabei kam die geplante Roma-Strategie der Europäischen Union ebenfalls zur Sprache.

Zoltán Balog, Staatssekretär für soziale Integration, erläutert die Pläne zur Integrationsstrategie von Roma in Ungarn und Europa.
Péter Balázs ist ein erfahrener Mann. Er war im Laufe seiner diplomatischen Karriere ungarischer Botschafter in Deutschland und Dänemark sowie von 2009 bis 2010 Außenminister. In seinem Vortrag erläuterte er im Zusammenhang mit der aktuellen EU-Ratspräsidentschaft Ungarns die gegenwärtigen Strukturen in Brüssel, und ging dabei auch auf die neue Roma-Strategie ein. Durch die jüngsten Ost-Erweiterungen der Union leben mittlerweile – unterschiedlichen Schätzungen zufolge – zwischen acht und zwölf Millionen Roma in EU-Ländern. In Ungarn beläuft sich ihr Bevölkerungsanteil auf sechs bis acht Prozent. Angesichts dieser Zahlen folgerte Balázs: „Ihre Integration ist eine alternativlose Investition“, wobei er besonders die Verbesserung von Bildung, Beschäftigung und der Lebenssituation näher erörterte.
Vorurteile müssen überwunden werden
Ähnlich äußerte sich Zoltán Balog. Er gilt als Experte auf dem Gebiet der Minderheitenpolitik und überzeugte bei dem Forum gleichermaßen durch sein authentisches Auftreten wie seine fundierten Ausführungen. Nachdem er bis 2010 Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Minderheiten, Menschenrechte und religiöse Angelegenheiten war, ist er nun Staatssekretär für soziale Integration und in dieser Rolle maßgeblich an der Ausarbeitung einer gesamteuropäischen Roma-Strategie in Brüssel beteiligt. Ein großes Problem sieht er in Vorurteilen, von denen er drei beispielhaft nannte: „Alle Roma sind Diebe; alle Ungarn sind Rassisten; alle Deutschen sind arrogant.“ Jedoch sei in keinem dieser Fälle eine derartig verallgemeinernde Aussage möglich, geschweige denn korrekt. Außerdem existiere auch keine „kollektive Schuldhaftigkeit.“ Die ethnische Abstammung dürfe nicht zu einem „Schicksal“ werden.
Gesamteuropäisches Problem
„Die Menschen sollen ihre eigene Identität nicht verlieren, sondern sie selbst bleiben dürfen, aber trotzdem zur Gesellschaft gehören“, so der Staatssekretär. Hierbei müsse man gemeinsam etwas unternehmen – Minderheitenvertretungen, die Regierungen, die Europäische Union. Denn in seinen Augen ist es eine „Schande für ganz Europa, dass es den Roma in der Demokratie schlechter geht als noch zu Zeiten der Diktatur.“ Die größten Roma-Minderheiten leben zwar in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Tschechien und der Slowakei, doch die Problemlösung beschränkt sich deshalb keinesfalls nur auf diese Länder, stimmen Balázs und Balog überein. Wenn es jenen Menschen in ihren Ursprungsländern immer schlechter gehe, bestünde sogar die Gefahr einer Binnenflucht innerhalb Europas, wobei es im Interesse aller besser nicht dazu kommen sollte, sagte der Staatssekretär auch an die Adresse der europäischen Gemeinschaft gerichtet.
Dringende Probleme
Vor 1989 hatten hierzulande rund 85 Prozent der Roma eine feste Beschäftigung, heute sind es gerade einmal noch 15. Viele Kinder haben keinen Schulabschluss, die Mädchen bekommen statistisch gesehen ihr erstes Kind mit 15. Die allgemeine Lebenserwartung liegt bei gerade einmal 55 Jahren. Das ist ein Jahrzehnt weniger als bei den übrigen Ungarn, deren Wert ohnehin schon um weitere zehn Jahre unterhalb des EU-Durchschnitts liegt. Diese Zahlen schildern eindringlich die verschiedenen, schon viel zu lange aufgeschobenen Probleme, welche im Rahmen der neuen EU-Strategie angegangen werden müssen. Das Dokument, welches im Juni von allen Staats- und Regierungschefs beschlossen werden soll, ist laut Balog bereits jetzt so gut wie unterschriftsreif.
Langfristige Maßnahmen geplant
In Ungarn sollen in den nächsten fünf Jahren 100.000 Arbeitsstellen für Roma geschaffen werden. Dabei handelt es sich jedoch nicht um dauerhafte Anstellungen, sondern vielmehr um Maßnahmen zur schrittweisen Rückführung der Langzeitarbeitslosen auf den Arbeitsmarkt. So sollen die betreffenden Personen beispielsweise im Auftrag von Städten gemeinnützige Arbeit verrichten oder Unternehmen sollen bei Ausschreibungen bevorzugt den Zuschlag bekommen, wenn sie eine gewisse Anzahl an arbeitslosen Roma für dieses spezielle Projekt einsetzen. Dadurch hofft man die momentan auf dem freien Arbeitsmarkt noch völlig Chancenlosen Stück für Stück auszubilden, fit zu machen und wieder an einen geregelten Arbeitsalltag zu gewöhnen. Falls sie sich hingegen weigern eine Arbeit anzunehmen, droht die Streichung der Sozialhilfe. Die mit drei Milliarden Forint veranschlagte Förderung von Stipendien soll ebenfalls an das Erbringen von positiven Studienergebnissen gekoppelt werden (lesen Sie hierzu auch den Artikel auf Seite 2).
Rechtsextremismus durch soziale Perspektiven besiegen
Auf den Einwand eines Schülers, ob sich die übrige Bevölkerung dann nicht ungleich behandelt fühlen würde, entgegnete Balog: Der Rechnungshof hat festgestellt, dass von den Roma zwischen 1996 und 2006 zugedachten Fördergeldern nur zehn Prozent diese wirklich erreicht haben. Das Versickern der übrigen Gelder in dunklen Kanälen war für die Roma doppelt schmerzhaft, weil einerseits die Wirkung der Maßnahmen praktisch nicht gegeben war, sie andererseits von der übrigen Bevölkerung für eine Förderung beneidet wurden, welche sie in Wahrheit nie erhalten hatten. Soziale Spannungen würden überall dort entstehen, wo Armut und Hoffnungslosigkeit herrschen. Anstatt aber all jene zu verteufeln, die sich infolge dessen für rechtsradikale und rassistische Parolen offen zeigen, müsste man lieber das ursprüngliche Problem, die Armut und Hoffnungslosigkeit, bekämpfen, was wiederum jenem verwerflichen Gedankengut automatisch den Nährboden entziehen würde, forderte Balog.

Die Schüler stellten kritische Fragen.
