Orbáns Triumph – das Land in der Sackgasse
Fortsetzung von letzter Woche
Hat sich der Charakter und Geisteszustand der ungarischen Elite denn verändert? Diese Frage warf Péter Hanák vor fünfzehn Jahren in einem Aufsatz auf. Seine Antwort war gleichsam prophetisch: „Gerade beim Geisteszustand der Politiker, ihren Methoden, ihrem Charakter und ihrer Reflexe hat es keine grundlegenden Veränderungen gegeben.“ Hanák berief sich auf den berühmten, aber allgemein kaum befolgten Ausspruch Bibós: „Demokrat zu sein, bedeutet so viel, wie keine Angst zu haben.“ Kommt Bibós Satz heute überhaupt zur Geltung, und wird er später zur Geltung kommen, wenn aus dem „zentralen Kraftfeld“ mit den Jahren ein dauerhaftes autoritäres System entsteht? Die Regierung Orbán hat nicht nur die Kriminalpolizei und die Geheimdienste, die Staatsanwaltschaft und die Gerichte, die öffentlich-rechtlichen Medien und große Teile der Presse nahezu völlig unter ihre Kontrolle gebracht, sondern auch die Stasi-Akten, die Staatsoper und die Akademie der Wissenschaften, die Provinztheater und Filmstudios sowie unzählige Bereiche des wissenschaftlichen und kulturellen Lebens.

In Hinblick auf Europa, insbesondere aber Zentraleuropa stellt sich die Frage, ob die Regierung Orbán jenen kämpferischen Nationalismus fortsetzen wird, den der Fidesz in Oppositionszeiten verfolgt hat. Und wie werden darauf Rumänien, Serbien und die Slowakei reagieren, wo die politische Elite ebenfalls vom Virus des Nationalismus infiziert ist? Die Zukunft wird letztlich zeigen, welches Ende Ungarns zweites Experiment mit Viktor Orbán haben wird, diesem erst 48-jährigen, äußerst talentierten, äußerst unberechenbaren und äußerst hemmungslosen Politiker. In seiner Abhandlung („Entstellter ungarischer Geisteszustand, ungarische Geschichte in der Sackgasse“) macht Bibó auf ein besonders interessantes und eigentümliches ungarisches Phänomen aufmerksam: „In entscheidenden Momenten, vor allem zwischen 1914 und 1920 sowie 1938 und 1944 erwies sich das Land in schicksalhafter Weise als unfähig, sich seiner wahren Situation und seinen tatsächlichen Anlagen gemäß zu verhalten…“ Es hat den Anschein, dass nach dem zwanzig Jahre währenden demokratischen Intermezzo die regierende Elite des Landes, unterstützt von der Mehrheit der Gesellschaft, das Heil der Nation darin sieht, den Weg jenes Neokonservativismus und ethnischen Nationalismus zu beschreiten, der nach Trianon folgte.
Was Frankreich und Deutschland, Italien und Österreich nach jahrzehntelangem zähem Ringen letztlich erreichten, ist der Sieg einer auf gemeinsamen Interessen beruhenden europäischen Schicksalsgemeinschaft über einen in sich gekehrten Protektionismus und selbstmörderischen Nationalismus. Es ist wahr, dass Ungarn in Trianon 45.000 Quadratkilometer Territorium mit rein ungarischer und 20.000 Quadratkilometer mit ethnisch durchmischter Bevölkerung verloren hat. Doch bedenken wir, dass im Verlauf der Geschichte auch Österreich und Deutschland, Frankreich und Italien ähnliche Tragödien, Verluste und Wunden hinnehmen mussten, man muss nur einen Blick in die Geschichtsbücher werfen. Der nachhaltige Frieden zwischen Paris und Berlin und die dauerhaften Kompromisse zwischen Wien und Rom, Bozen (Bolzano) und Innsbruck in Sachen Südtirol könnten für Ungarn und seine Nachbarn als Beispiele dienen, um die zwischenstaatlichen Hindernisse zu überwinden und irgendwann das unselige Erbe von Trianon gemeinsam aufzuarbeiten. Die Dämonen der Vergangenheit und die Schimären der verschiedenen politischen Systeme müssen aus nationalem Interesse vergessen werden. Die bitteren historischen Lehren wiederum müssen aufgearbeitet werden.
Aus dem ungarischen
von Peter Bognar.
(Teil 1, 2 – siehe BZ Nr. 15, 16)

Der österreichische Publizist Paul Lendvai (geb. 1929 in Budapest) gilt als profunder Kenner der Verhältnisse in Osteuropa, insbesondere jener in seiner Heimat Ungarn, aus der er nach der Revolution im Jahr 1956 nach Wien flüchtete. Lendvai war rund 20 Jahre lang Osteuropa-Korrespondent der britischen Zeitung Financial Times. Ab den achtziger Jahren leitete er die Osteuropa-Redaktion des ORF. Heute betätigt er sich als politischer Kommentator unter anderem für die linksliberale Zeitung Der Standard. Er gilt als prononcierter Gegner der Regierung Orbán. Aus der kompromisslosen Ablehnung der neuen politischen Verhältnisse in Ungarn macht er auch in seinem Buch „Mein verspieltes Land“ keinen Hehl. Wir veröffentlichen ungekürzt und in drei Teilen das letzte Kapitel der kürzlich erschienenen ungarischen Ausgabe, das im deutschen Original noch nicht enthalten war.
Die hier wiedergegebene Meinung muss nicht den Standpunkt der Redaktion widerspiegeln.
Jan Mainka
