Verantwortung der Presse
Über die Entwicklungen der Pressefreiheit, das aktuelle Diskussionsthema Wikileaks und die Zukunft der Informationsfreiheit hielt David McCraw, Vizepräsident und Rechtsberater der New York Times, am vergangenen Mittwoch im Open Society Archiv der Central European University eine gut besuchte Rede.

David McCraw: „Presse muss verantwortungsvoll mit geheimen Dokumenten umgehen.“
„Offene Gesellschaft“ ist laut John Shattuck, dem Präsidenten und Rektor der Central European University (CEU) eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Er hielt die Eröffnungsrede. Deswegen ist auch das Open Society Archiv „der beste Platz für ein Gespräch über das Jahrhundert des Internets und der Internet-Revolutionen“. „Die letzten vier Monate haben uns eindrucksvoll bewiesen, dass das Thema Rede- und Meinungsfreiheit inzwischen globale Züge annimmt“, so Shattuck, der als Beweis dafür die „Veröffentlichungen der Dokumente von Wikileaks und die Internet-Revolution“ im Nahen Osten anführt. All das werfe Fragen nach „der Rolle der geheimen auswärtigen Angelegenheiten, der Rolle der Mainstream-Medien, der Internetakteure und dem historischen Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit auf“. Als einen wichtigen Akteur in diesem „Drama“ stellte Shattuck Hauptredner David McCraw vor.
Journalismus braucht Freiheit
David McCraw lockerte die Stimmung gleich zu Beginn mit dem Geständnis, dass er trotz seiner schottisch-amerikanischen Abstammung die Zukunft sehr pessimistisch sehe, und deshalb auch ohne ungarische Wurzeln wie ein Ungar denke und fühle. Er erklärte, dass seine Rolle als beratender Rechtsanwalt in der Branche des Journalismus eigentlich darin bestehe, den Journalisten größtmögliche Freiheit zu gewährleisten, denn, wenn die „Pressefreiheit gewährleistet ist, braucht sich kein Journalist Sorgen zu machen“. In seiner Rechtsabteilung versuche er, jenes Image der Rechtsanwälte zu ändern, wonach diese „Geschichten sterben lassen“. Im Gegenteil: Bei ihnen würden „die Geschichten zum Leben erweckt“.
‘Nein’ wollte niemand hören
Als die Wikileaks-Affäire begann, sei McCraw gerade „beim Zahnarzt“ gewesen. Er sei damals von seinem Verleger gebeten worden, schleunigst wieder in die Redaktion zu kommen. Dort sei ihm der Vorschlag des Guardian, mit denen sie öfter zusammenarbeiten, unterbreitet worden, „Dokumente des Verteidigungsministeriums über Afghanistan zu veröffentlichen“. Diese sollten gleichzeitig von der Times, dem Guardian, dem Spiegel in Deutschland und Wikileaks publik gemacht werden. „Alle Augen richteten sich auf mich, und fragten: Was denkst du?“. Nun, er habe sich gedacht, dass die Antwort ohnehin klar sei, „ein ‚Nein‘ wollen sie nicht hören“. Also habe er Folgendes gesagt: „Es sind ja keine diplomatischen Telegramme, es dürfte also kein Problem sein“.
Damit begann seine Arbeit aber erst. Es wurde ein Untersuchungsteam zusammengestellt, das nachforschte, wie sich das rechtliche Umfeld darstellte und ob es Konsequenzen geben könnte. „Wir waren uns einfach nicht sicher, was die Regierung tun wird, ob wir mit einer Veröffentlichung eine Bedrohung darstellen und gegen den Espionage Act verstoßen“ sagte McCraw. Der Espionage Act aus dem Jahr 1917 sei so schwammig verfasst worden, dass bei der Offenlegung von Regierungsdokumenten schon der Besitz solcher Dokumente illegal sein kann, ob man damit jemandem schadet oder nicht. Außerdem seinen durch die Untersuchungen auch Mitarbeiter hineingezogen werden, „die nur mit einem Visum in Amerika waren, die sich also Sorgen machten ausgewiesen zu werden“, die „Angelegenheit war nicht wirklich einfach, sondern zog immer weitere Kreise“, so McCraw. Hinzu kam, dass der „Guardian durch die andere Rechtslage in Großbritannien befürchtete, durch eine gerichtliche Verfügung von der Veröffentlichung abgehalten zu werden, sofern die britische Regierung etwas erfahre“.
US-Regierung hält still
In den USA seien sie in der glücklichen Position gewesen, dass „die erste Verfassungsergänzung den Journalisten das Recht zur Veröffentlichung und zum Besitz von Dokumenten zusprach“, erklärte McCraw. Er sagte, dass diesbezüglich „bis heute kein Reporter, Journalist oder Medium angeklagt“ worden sei. Auch die „Entscheidung vom Obersten Gericht zu den Pentagon Papers, die eine Studie über Vietnam enthielten, bestätigte das Recht zur Veröffentlichung, wenn keine erkennbare und gegenwärtige Gefahr besteht.“ Im Grunde „kann keine Regierung ein Medium von der Veröffentlichung abhalten, sondern nur danach Anklage erheben“, so McCraw. Die letzen Bedenken seien dann von der amerikanischen Regierung selbst zerstreut worden, die auf Nachfrage zwar erklärt habe „dass sie nicht glücklich über die Veröffentlichung sei, aber keine weiteren rechtlichen Schritte androhe“.
Warten auf “die Deutschen„
Die Dokumente sollten in drei Etappen veröffentlicht werden: erst das Kriegstagebuch über Afghanistan von 2004 bis 2010 am 25. Juli, dann das über den Irak von 2000 bis 2009 und zuletzt diplomatische Schriftstücke. McCraw beschreibt die Kommunikation mit den anderen Zeitungen, die den ersten Online-Erscheinungstermin gemeinsam auf den 25. Juli 2010, fünf Uhr morgens, festlegten. Davor sei es in der Redaktion der New York Times noch drunter und drüber gegangen, „die Auslandsreporter aus dem Nahen Osten kamen alle zurück, und fingen an, die Texte zu zensieren, Namen und wichtige Informationen, die Menschenleben gefährden könnten, zu streichen.“ Als es schließlich soweit war, „schauten wir erst auf Wikileaks, bei denen der Server um fünf Uhr morgens abgestürzt war, dann auf den Guardian, der die Informationen um fünf nach fünf ins Internet stellte“. McCraw hatte nun darüber zu entscheiden, ob die New York Times mit den Dokumenten online geht oder nicht. „Ich sagte, was ich immer sage: „Lasst uns schauen, was die Deutschen machen.“ Als der „Spiegel um zehn nach fünf auch online ging, veröffentlichten auch wir die fertigen Informationen“.
Unwissenheit wiegt schwerer
Das Problem mit Wikileaks sei dadurch entstanden, dass „sie bei der ersten Veröffentlichung nichts zensierten und deshalb Kritik ernteten, beim zweiten Mal, am 27. Oktober, alles zensierten und wieder kritisiert wurden“. Deswegen habe Wikileaks beim dritten Mal, am 28. November, wieder unzensiert veröffentlicht, womit endgültig eine Debatte um die Einschränkung der Pressefreiheit ausgelöst worden sei. McCraw findet eine „Beschränkung nicht akzeptabel“. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass „die Regierungen der Welt nicht überreagieren werden“, denn dadurch „wäre die Öffentlichkeit der absolute Verlierer“. Es gebe nicht umsonst den „besonderen Schutz der Presse“. Allerdings stelle sich die Frage „ob Assange ein Journalist und Wikileaks ein Medium ist und ob sie ebenso in den Genuss von Pressefreiheit kommen sollten wie die eingesessenen Medien“. McCraw sagte: „Die Grenzen verwischen sich durch das Internet immer mehr. Es kann und darf nicht sein, dass den traditionellen Medien wegen der Internetmedien größere Beschränkungen auferlegt werden, lieber sollten diese dann die gleichen Freiheiten genießen“. Es gebe in „jeder Regierung, jedem Unternehmen, ja sogar bei der New York Times Geheimnisse. Wichtig ist, dass einige davon gelüftet werden, denn es stellt für uns letztlich eine größere Gefahr dar, nichts zu wissen, als Geheimnisse zu erfahren“. McCraw betonte zum Schluss noch, dass „die Presse sehr verantwortungsvoll mit solchen geheimen Dokumenten umgehen sollte“.

„In jeder Regierung, jedem Unternehmen, ja sogar bei der New York Times gibt es Geheimnisse. Wichtig ist, dass einige davon gelüftet werden, denn es stellt für uns letztlich eine größere Gefahr da, nichts zu wissen, als Geheimnisse zu
erfahren“.
David McGraw
Zur Person
David McCraw ist Vizepräsident und stellvertretender Chefberater der New York Times Company. Als solcher ist er verantwortlich für die rechtliche Beratung, insbesondere in Fällen der Informationsfreiheit. Des Weiteren hat er die New York Times mehrmals erfolgreich vor Gericht vertreten, auch in Fällen, die mit der Veröffentlichung von Regierungsdokumenten zu tun hatten. Er war Berater bei der Ausarbeitung von Gesetzen über Informationsfreiheit im Jemen und in Kuwait, und gab Workshops zum Thema Pressefreiheit im Nahen Osten, in Südamerika und Westeuropa.
