„Das geht sich aus“
Eigentlich ist Leo kein Mozart- oder Opern-Fan, auch Sänger möchte der Zehnjährige „lieber nicht“ werden. Überhaupt mag er nur die Zauberflöte wirklich gern. In ihr singt der junge Österreicher im Budapester Lustspieltheater; mit erst wenig Gesangserfahrung, großem Erfolg – und noch dazu auf Ungarisch.

Anfangs noch ohne Ungarisch-Kenntnisse, jetzt singt er in der Oper: Leo aus Wien in der Garderobe des Budapester Lustspieltheaters.
Normalerweise spielt Leo in seiner Freizeit begeistert Fußball, dreimal die Woche. Derzeit gibt er auch abends den Fußballjungen. Mit dem schwarzweißen Leder in der Hand trabt der dunkelblonde Junge lässig vorbei an Hunderten von Zuschauern auf die Bühne, hinein ins grelle Licht. Er bückt sich und schlüpft wie seine zwei Vorgänger unter die Goldfransen des schweren roten Samtvorhangs, kurz sieht man noch einen Zipfel seiner Freizeithose – schließlich ist das „so eine moderne Aufführung“ –, dann ist er verschwunden. Der Vorhang öffnet sich, das Stück beginnt.
Vom Neuankömmling zum „Dritten Knaben“
In Leos jungem Leben war es nicht vorprogrammiert, als Dritter Knabe in einem Mozart-Werk auf der Opernbühne zu stehen, schon gar nicht auf einer ungarischen. Als er vor zwei Jahren mit seiner Familie von Wien nach Budapest zog, konnte Leo noch kein Wort Ungarisch. Fast alle Kinder in seiner Klasse an der zweisprachigen Europaschule waren aus Ungarn; auch wegen dieser Sprachbarriere fühlte er sich anfangs nicht so wohl. Doch dann begann er, Gesangsunterricht zu nehmen, und war bald so gut, dass ihm seine Lehrerin zu einem Vorsingen am Budapester Lustspieltheater schickte. Prompt erhielt Leo die Knabenrolle und erklärte seinen nichtsahnenden Eltern, ab jetzt in der Zauberflöte mitsingen zu wollen.
Von da an war Schluss mit seiner Freizeit, in der Leo am liebsten Fußball spielt und musiziert. Nun hieß es proben, proben und nochmals proben, parallel zur Schule, jeden Nachmittag, manchmal auch vormittags. Später kamen abends die knapp dreistündigen Aufführungen hinzu. Für den Fünftklässler bedeutete dies Stress, für seine Eltern und seine Schuldirektorin Frau Stanzer notwendigerweise ein gutes Organisationsvermögen. „Es musste alles mit den Lehrern abgesprochen werden“, so Frau Stanzer. Doch auch sie unterstützte den zielstrebigen Jungen in seinem Vorhaben. „Und es hat sich gelohnt, wir sind sehr stolz auf Leo“, betont die Direktorin. Und das nicht nur wegen des Singens, sondern auch, weil der Junge in kurzer Zeit sehr gut Ungarisch gelernt habe, ja zwangsläufig lernen musste, um sich durch den Opernalltag zu schlagen. Definitiv habe er so mehr gelernt, als er das nur in der Schule in dieser Zeit getan hätte, meint sie: „Im Deutschunterricht müssen wir Leo inzwischen sogar ermahnen, dass er Deutsch spricht“.
„Man fühlt sich als wäre alles echt“
Im Gegensatz zu den anderen Kindern am Lustspieltheater besucht Leo ein ganz normales Gymnasium und keine musische Schule, singt auch nicht im Chor. Aber all das scheint kein Problem zu sein; und es mache ihm viel Spaß, in der Zauberflöte mitzuwirken, spannend sei das. „Einmal waren wir ganz oben am Vorhang, da hat uns ein Kran hochgefahren, das war toll!“, freut sich Leo. Ein bisschen nervös sei er schon immer, „aber man fühlt sich, als wäre alles echt“, fügt er begeistert hinzu. Eine Lieblingsstelle im Stück habe er nicht, eigentlich gefalle ihm alles. Seinen Eltern und der älteren Schwester, die jedem seiner Auftritte stolz beiwohnen, geht es da mit Sicherheit anders.
Musik gehört zu seinem Leben
Nichtsdestotrotz sei diese aufregende Zeit von mehr als eineinhalb Monaten schon auch „sehr anstrengend und einseitig“, erzählt Leo. Ob er danach einmal wieder an der Oper singen wird, weiß er noch nicht. „Ich musiziere schon sehr viel, Musik gehört zu meinem Leben dazu“, so der Zehnjährige. Singen spiele für ihn aber keine Hauptrolle. Er fügt jedoch hinzu, dass einer der anderen zwei Knaben jetzt schon 14 Jahre alt und bereits im Stimmbruch sei und deshalb wohl im nächsten Jahr nicht mehr mitsingen werde. „Vielleicht geht es sich ja aus, dass ich nochmal singe“, meint Leo lächelnd. Ganz ruhig sagt er das, im schönsten Wienerisch.
Berufswunsch: Lego-Techniker
Während seine Zukunft als Sänger also noch ungewiss ist, scheint sich Leo bei seinen musikalischen Interessen dafür sehr sicher zu sein. Nicht die Oper und Mozart, Pop und Rock’n’Roll haben es ihm angetan. „Michael Jackson, der singt wahnsinnig gut“, platzt er heraus und errötet leicht, und „eigentlich bin ich ein großer Fan der Beatles, die sind einfach toll“. Auch beruflich weiß Leo, was er will und unterscheidet sich wohl darin nicht von anderen Jungen seines Alters: Techniker möchte er werden, konkret: „Lego-Techniker“. Wenn keine Auftritte mehr sind, hat er auch endlich wieder Zeit zu spielen; und für seinen geliebten Fußball, erst kürzlich wurde er in eine Mannschaft aufgenommen, wie er freudig erzählt.
An der Tür zu ihrer Garderobe begrüßt Leo einen der anderen beiden Knaben mit lässigem Handschlag, sie albern auf Ungarisch und kichern verschwörerisch. Leos Wangen sind gerötet. Nach mehr als fünf Aufführungen sei er inzwischen aber doch nicht mehr aufgeregt. Dann blickt der Größte der Knaben auf die Uhr, halb sieben, es ist an der Zeit, sie müssen hinunter in die Maske. Um sieben geht es los, und schließlich eröffnen die drei Jungs in ihrem Fußball-Freizeitdress das Stück. Schon ist Leo mit ihnen aus der Tür hinaus geeilt und im Backstage-Bereich verschwunden. Um kurz darauf auf der Bühne im Sopran zu Mozarts berühmter Musik zu singen, souverän und routiniert vor den gefüllten Rängen des ehrwürdigen Theaters, ganz professionell, wie die Großen.
