"Es ist langsam Ruhe eingekehrt"
Im Zweiten Weltkrieg ließen etwa 54.000 Deutsche auf dem Gebiet des heutigen Ungarns ihr Leben. Die letzte Ruhestätte von 35.000 von ihnen ist inzwischen bekannt. Allein auf dem Sammelfriedhof in Budaörs liegen knapp über 14.000 Soldaten. An diesem Sonntag, dem Volkstrauertag, findet hier unter Beteiligung der deutschen Botschaft wieder die zentrale Gedenkveranstaltung statt.
Der vor fünf Jahren, am 19. Oktober 2002, eingeweihte Friedhof entstand auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Das etwa sechs Hektar große Grundstück wurde vom ungarischen Staat zur Verfügung gestellt. ,,Die Entscheidung für den Ort fiel unter anderem wegen seiner guten Erreichbarkeit, in erster Linie für Gäste aus Westeuropa“, erklärt Norbert Hambuch, der die Arbeit des Volksbundes in Ungarn seit 1995 koordiniert und operativ unterstützt. Neben Budaörs kümmert sich der Landschaftsarchitekt auch um die 15 anderen deutschen Soldatenfriedhöfe in Ungarn.
Seit etwa fünf Jahren ist das Gros der Arbeit geschafft
Als der Volksbund mit der Unterzeichnung des offiziellen Kriegsgräberabkommens mit Ungarn am 16. November 1993 seine Arbeit im großen Stil aufnehmen konnte, galt es zunächst, die an weit über 1.000 Plätzen ruhenden deutschen Soldaten zu exhumieren und auf wenigen, speziell eingerichteten Friedhöfen wieder zu bestatten. In der Folgezeit entstanden Jahr für Jahr neue Soldatenfriedhöfe mit den typischen, rasterartig angelegten Reihen steinerner Kreuze.
Seit etwa fünf Jahren ist der Großteil der Arbeit geschafft. Gab es bis dahin jährlich etwa 1.500 bis 2.500 Umbettungen, so sind es seitdem nur noch rund 50 pro Jahr. In diesem Jahr erhielten die sterblichen Überreste von 30 Soldaten ihre (nun wirklich) letzte Ruhestätte. Neue Soldatenfriedhöfe wird es nicht mehr geben. Im Gegenteil: ,,Um die Pflegekosten zu optimieren, ist nicht auszuschließen, dass mittelfristig kleinere Anlagen mit etwa 200 bis 300 Gräbern zugunsten von größeren Sammelfriedhöfen geschlossen werden“, glaubt Hambuch.
Solche Überlegungen ergeben sich aus dem immer enger werdenden finanziellen Rahmen des Volksbundes, der sich zu etwa 90% aus Mitgliedsbeiträgen und privaten Spenden finanziert. Die finanziell wahrgenommene Verantwortung des deutschen Staates für seine Weltkriegstoten ist nur minimal. Und je mehr die Vertreter der Kriegsgeneration und ihre direkten Angehörigen wegsterben, umso vorsichtiger müsse man mit dem weniger werdenden Geld wirtschaften. Für Budaörs hieß das unter anderem konkret, dass die Aufsichtskraft des kleinen Museums am Friedhofseingang vor ein paar Jahren bis auf weiteres eingespart werden musste.
Im Großen und Ganzen gibt es für Hambuch jedoch keinen Grund zu Klagen. ,,Alle unsere Friedhöfe befinden sich in bester Ordnung. Nach Jahren der Neueröffnungen und großflächigen Umbauten ist Ruhe eingekehrt“, erklärt er zufrieden. Und so beschränken sich die jährlichen Bundeswehreinsätze – dieses Jahr waren es zwei – und Jugendlager – in diesem Jahr eins – in erster Linie auf die Pflege der bestehenden Anlagen. Ruhe zu schaffen ist auch in politischer Hinsicht ein Anliegen des Volksbundes. So ist er bestrebt, seine Anlagen vor politischen Angriffen und Vereinnahmungen jedweder Art zu schützen.
Um übereifrigen Gutmenschen keine Angriffsfläche zu bieten, aber auch um keine ,,falschen Freunde“ anzulocken, ist man beispielsweise inzwischen ungarnweit bei gefallenen Soldaten der Waffen-SS dazu übergegangen, auf deren Grabsteinen entweder die Dienstgrade komplett wegzulassen oder nur die jeweiligen Entsprechungen der Wehrmacht zu verwenden. Zwei von Veteranenverbänden gestiftete Gedenksteine für Angehörige der Waffen-SS mussten auf Druck aus Budaörs entfernt werden und stehen heute wieder wohlbehalten auf zwei kleineren Friedhöfen in Ungarn.
,,Die Veteranen waren einzig von der Sorge angetrieben, das Andenken an ihre einstigen Kampfgefährten – auch wenn sie sich eines Tages nicht mehr um die Pflege der Steine kümmern können – in guten Händen würdevoll gewahrt zu wissen. Dieser Wunsch war einigen Menschen zu viel“, so Hambuch zu den Hintergründen des aufgebauschten ,,Eklats“. Abgesehen von solchen Ausnahmefällen werde aber beim Volksbund prinzipiell nicht zwischen Wehrmachts- und SS-Soldaten unterschieden.
Eine Unterscheidung wäre in Ungarn auch nur schwer zu realisieren, da SS-Einheiten auf dem Gebiet des heutigen Ungarns – Seite an Seite mit Wehrmachtsverbänden – deutlich massiver und flächendeckender eingesetzt waren als auf anderen Kriegsschauplätzen des Zweiten Weltkriegs. Der Historiker Krisztián Ungváry schätzt, dass von den 1944/45 hier kämpfenden etwa 800.000 deutschen Soldaten etwa ein Viertel Angehörige der Waffen-SS waren. Da die Todesrate bei ihnen deutlich über der bei ihren Wehrmachtskameraden lag, kann man also davon ausgehen, dass auf den heutigen deutschen Friedhöfen in Ungarn im Schnitt in jedem dritten bis viertem Grab ein SS-Soldat ruht.
Bewegende Eintragungen im Gästebuch des Friedhofs
Am Ausgang des Informationsgebäudes fällt der Blick auf ein dort ausgelegtes Gästebuch. Eine der letzten Bemerkungen darin lautet in schlechtem Deutsch: ,,sehr schön Dt. Soldatenfriedhof bis auf ein paar Toten?“ Mehr steht nicht da. Es bleibt jedem Leser dieser Zeilen also selbst überlassen zu überlegen, welchen Toten der Schreiber sein Gedenken verweigert. Vielleicht sind wieder die Waffen-SS-Soldaten gemeint. Genauso gut kann es aber auch sein, dass die verbindliche Ruhe des Ortes diesmal von rechter Seite gestört worden ist. Vielleicht weil der Schreiber nicht tolerieren kann, dass auf einem deutschen Friedhof auch etliche ungarische Soldaten begraben sind. Oder weil er gar aus den Kieseln, die auf einigen Grabsteinen zu finden sind, irrtümlich auf die Präsenz von jüdischen Toten schließt. Hambuch klärt diesbezüglich auf: ,,Die Gewohnheit, Kieselsteine auf die Grabzeichen zu legen, wird auch von nichtjüdischen Angehörigen praktiziert, wenn sie gerade keine Blumen dabei haben, aber zeigen wollen, dass sie am Grab ihres Angehörigen waren. Von jüdischen Gefallenen ist mir nichts bekannt.“
Abgesehen von dieser Schmiererei legen die Eintragungen jedoch insgesamt ein bewegendes Zeugnis für die Existenzberechtigung des Friedhofs ab und sind gut geeignet, den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern des Volksbundes als immaterieller Lohn zu dienen (siehe unten). Allerdings werden sie immer weniger. ,,In den vergangenen Jahren hat der Zustrom von Besuchern aus Deutschland und Österreich spürbar nachgelassen“, bedauert Hambuch. Dafür interessierten sich überraschenderweise immer mehr Ungarn für die Friedhöfe ihres einstigen und heutigen Verbündeten.
Weitere Informationen zu den deutschen Soldatenfriedhöfen in Ungarn gibt es beim Beauftragten des Volksbundes in Ungarn, Imre Kovács (kitek1@t-online.hu oder Tel.: +361 424 8082) oder Norbert Hambuch unter Tel.: (+36-26) 572 126. Informationen zur Arbeit des Volksbundes und zu Spendenmöglichkeiten gibt es im Internet unter www.volksbund.de oder über das Spendentelefon:
(+49 1805) 70 0901.
Aus den diesjährigen Eintragungen des Gästebuches:
,,Nach 62 Jahren habe ich hier dank der vorbildlichen Arbeit der Kriegsgräberfürsorge, die letzte Ruhestätte meines Vaters gefunden. Ich danke allen Helfern.“
,,Heute ging ein Wunsch in Erfüllung, die letzte Ruhestätte meines Onkels aufsuchen zu können. Danke für die
Inschrift und den Gedenkstein.“
,,Lieber Horst, es war ein langer Weg bis zu Deiner Ruhestätte. Nun ist die Familie wieder verbunden. Ruhe in Frieden.“
,,Lieber Vater, in Deinen Enkelkindern lebst Du weiter.“
,,Nach 63 Jahren habe ich meinen Bruder Stefan an seiner letzten Ruhstätte besucht.“
,,Vielen Dank! Ihre Mühe hat sich für mich gelohnt. Mein Andenken an meinen Vater hat mich tief bewegt.“
,,Nach über 60 Jahren habe ich Dich gefunden. Deine Tochter“
,,Ich danke, dass es mir ermöglicht wurde, das Grab meines Vaters, den ich leider nie kennengelernt habe, besuchen zu können. Möge er in Frieden ruhen.“
